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Wir werden eingeladen, das Christsein als ein Leben von Begegnungen zu gestalten, so Bischof Overbeck in seinem Kommentar zum Evangelium des 4. Adventssonntags. Davon gibt es Tausende im Alltag und schließlich natürlich auch die Begegnung mit Gott. Auf Weihnachten zugehen mit der lebendigen Überzeugung: Jesus lebt.

Dr. Franz-Josef Overbeck

3. Advent

Lk 1, 39-45 

Die Adventszeit ist von ihren Schrifttexten her geprägt von zwei großen biblischen Gestalten, von Johannes dem Täufer und von Maria.
Am heutigen vierten Adventssonntag, in dessen Mitte Maria steht, kommt aber auch Johannes vor.

In einer wunderbaren, poetisch aufgeschriebenen und anmutigen Szene wird berichtet, wie die schwangere Maria ihre Verwandte Elisabeth besucht und sich dabei vor Freude auch das Kind in deren Leib bewegt.
Es ist ein Fest der Begegnung, ein Fest der Begegnung biblischer Gestalten – von Elisabeth und Maria, wie aber auch von Johannes und Jesus.

„Hier begegnen sich das Alte Testament und das Neue Testament“

Das für Heidenchristen aufgeschriebene Lukasevangelium lehrt, dass das Geheimnis von Weihnachten, also der Geburt Jesu – und damit das Fest der Menschwerdung Gottes – ein Fest der Begegnung ist. So wie sich Maria und Elisabeth begegnen und dabei Elisabeth Maria preist, so begegnen sich Johannes und Jesus. In der alten Auslegung der Tradition unserer Kirchen ist mit Blick auf diese Begegnung immer wieder der Hinweis gegeben worden, dass sich hier das Alte Testament und das Neue Testament begegnen, weil Johannes als ein Prophet eine Übergangsgestalt ist – vom alten Bund zum neuen Bund, den Gott mit den Menschen schließt. Dieser neue Bund ist Jesus von Nazareth selbst.

Wir sind keine geschichtslosen Wesen

Wir werden durch diese Begegnung daran erinnert, dass wir nicht geschichtslose Wesen sind, wenn wir als Christen glauben. Wir stehen in der unvordenklichen Tradition der Religionen der Menschen, die sich an den lebendigen Gott wenden. Wir tun dies sehr bewusst, indem wir uns an den Gott der Bibel halten, an den Gott der Schöpfung, an den Gott der Propheten, aber eben auch an den Gott der Geschichte, vor allen Dingen auch der Geschichte des Volkes Israel.

„In Jesus ist Gott als Mensch unter uns“

Sowohl an seine Wanderung durch die Wüste, aber auch an die Erfahrungen des immer wieder lebendigen Gottes, der sich ihnen zeigt und der sich vor allen Dingen nicht zuerst an Gebäude bindet, an besondere Orte, sondern an Menschen und der vor allen Dingen durch einen Menschen selbst, der ganz Gott ist, unter den Menschen sein will. In Jesus ist Gott als Mensch unter uns. Und so will er uns begegnen. Darum ist dieses Fest der Begegnung, dass wir am vierten Advent im Evangelium des Lukas aus dem ersten Kapitel hören, ein so wunderbarer Text, der einen ganz von innen her anrühren kann.

Wir werden eingeladen, das Christsein als ein Leben von Begegnungen zu gestalten.

Davon gibt es Tausende im Alltag, immer wieder auch die Begegnungen mit uns selbst und unserem Inneren und schließlich natürlich auch die Begegnung mit Gott.

Dabei ist es besonders wichtig, sich Maria selbst zuzuwenden.

Was für eine Geschichte! Was da aufgeschrieben steht, ist unglaublich.
Sie selbst muss lernen, dass sie die Mutter Jesu, die Mutter Gottes werden soll.
Sie muss lernen, dass darin ein unendliches Geheimnis deutlich wird.
Und sie muss lernen, immer wieder neu mit sich und ihrer Geschichte anzufangen.

Auf eine besondere Weise bemerkt Elisabeth etwas davon. Und auf eine andere Weise auch Johannes in der Begegnung mit Jesus. Wer immer Maria begegnet, kann an ihr lernen, immer wieder anzufangen, sich diesem Geheimnis zu öffnen und so ein Mensch zu werden, der selbst ein Mensch des Anfangs ist und der nie aufhört anzufangen.

Wir Menschen sind endlich

Advent, gerade jetzt in diesen Tagen, in denen wir auf Weihnachten zugehen, ist genauso die Zeit, die uns lehrt, Menschen des Anfangs zu sein in ganz schwierigen Zeiten, in denen gerade auch angesichts der Covid-19 Pandemie deutlich wird: Wir Menschen sind endlich.

Es gibt nichts, was auf ewig uns verheißen ist, außer – als Christ gesagt – das Leben mit Gott, der immer wieder neu anfangen will. Diese wunderbare Begegnungsgeschichte steht im ersten Kapitel des Lukasevangeliums. Das Lukasevangelium ist jenes geschichtsträchtige Evangelium, das uns zusammen mit der Apostelgeschichte den gesamten Weg Jesu von seiner Empfängnis, über seine Geburt, über sein Leben selbst – in der Mitte des Lukas Evangeliums steht das Gleichnis vom verlorenen Sohn oder barmherzigen Vater – bis hin zum Kreuz, Tod und Auferstehung erzählt, der dann in der Apostelgeschichte weitergeführt wird: Als die Geschichte dieses lebendigen Christus in der Kirche und mitten in der Welt bis heute.

Am Ende wie am Anfang stehen Begegnungen

Und genau da, am Ende wie am Anfang, stehen Begegnungen. Nicht nur diejenigen zwischen dem Auferstandenen und den Jüngern, die suchen – denken wir an Emmaus – sondern auch an die vielen anderen Begegnungen mit den Frauen, die erkennen, Jesus lebt.

Und so auf Weihnachten zuzugehen, dass wir die lebendige Überzeugung, dass Jesus lebt, in den Begegnungen mit Gott erfahren, die durch den Verstand vorbereitet werden, sich aber doch erst im Glauben ereignen können, können wir wichtige Schritte gehen in einer Welt, in der viele neu nach einer Glaubwürdigkeit der Kirche fragen und nach einer lebendigen Plausibilität unseres Glaubens.
Was hat nicht der Missbrauchsskandal in unserem Land, aber auf der ganzen Erde die Kirche an Glaubwürdigkeit gekostet? Da sind Begegnungen brutal ausgenutzt, Menschen in ihrer Würde missbraucht und getreten worden. Und das macht für viele Menschen nicht nur die Kirche unglaubwürdig, sondern auch den Glauben nicht mehr plausibel.

Das Magnificat als Maßgabe für echte Begegnung

Echte Begegnungen lassen immer wieder anfangen mit dem Guten.
Die Kraft dieser wunderbaren Begegnungsgeschichten aus dem Lukasevangelium erleben wir im Gesang bis heute in den Gottesdiensten, in der Liturgie, in der Kirche.

So zum Beispiel der wunderbare Text des Magnificat, der ganz im Anschluss an das heutige Evangelium bei Lukas aufgeschrieben ist. Der lässt Gott groß sein. Das ist eine Maßgabe für echte Begegnung, in der Menschen gar nicht missbraucht, sondern in ihrer Würde geachtet und geehrt werden.

Es gibt auch den Lobgesang des Zacharias, der daran erinnert, dass Johannes geboren wird. Wir beten ihn jeden Morgen in der Laudes. Er erinnert daran, dass wir Gott preisen, der uns von Anfang an in der Geschichte begegnen will, und das schließlich auf menschliche Weise, damit wir von innen begreifen, wer Gott ist.

„Duns Scotus: Gott sucht Menschen, die mit ihm die Menschen lieben.“

 

Es gibt ein schönes Wort des Franziskaners und Theologen Duns Scotus aus dem 13. Jahrhundert, das sagt: Gott will mit Liebende. Etwas später folgt in diesem wichtigen theologischen Aufsatz ein schönes weiteres Wort: Gott sucht Menschen, die mit ihm die Menschen lieben.
Das kann zuvorderst die Liebe.

Am dritten Adventssonntag haben wir gehört, dass dann, wenn Jesus kommt, wir Menschen sein sollen, die von ihm her Geist und Feuer sind. Zwei Worte, die an das Wesen von Liebe erinnern. Echte Liebe in menschlicher Begegnung braucht die Fähigkeit, sich Schritt für Schritt immer mehr als Menschen eines Geistes zu erkennen und miteinander und aneinander zu wachsen.

Einladung zur Bekehrung

Aber es braucht auch Feuer – und das heißt Kraft. Von Menschen wie Maria, die in ihrer Begegnung mit Elisabeth zeigt, dass Menschen der Begegnung Menschen von Liebe sind, in denen ein Feuer brennt und in denen der Geist der Zuversicht steckt, können wir heute viel lernen. Geraden in den schwierigen Zeiten, in denen wir jetzt leben, geht von ihnen die Kraft aus, nicht bei dem stehen zu bleiben, was es an Schrecknissen und Angst und an Erniedrigung und an Abgründen gibt. Sie sind bereit und bekehrt, umzukehren.

Das Lukasevangelium als das Evangelium der Heidenchristen ist ein Evangelium, das einlädt zur Bekehrung.
Bekehrung im Glauben heißt für uns Christen, die wir Weihnachten feiern wollen, Gott neu zu begegnen, weil er uns zuerst begegnet.
Darum können wir uns gut darauf vorbereiten, Weihnachten zu feiern – was immer auch geschieht und geschehen ist – und Menschen der Begegnung werden, die sich auf den Empfang der Gegenwart Gottes in einem Menschen vorbereiten und das tun, was auch Maria tut.
Sie hört nie auf anzufangen!

(radio vatikan – redaktion claudia kaminski)

Im Dezember begleitet uns bei „Unser Sonntag“ der Bischof von Essen, Franz-Josef Overbeck. Der in Marl geborene Oberhirte der Diözese ist seit 2009 im Amt und seit 2011 Militärbischof der Bundeswehr. Er studierte Theologie und Philosophie in Rom unter anderem an der Gregoriana. Joseph Kardinal Ratzinger weihte ihn 1989 zum Priester.
Zunächst war Overbeck in Haltern als Kaplan tätig und wurde 1994 zum Domvikar in Münster. Nach der Promotion übernahm der Theologe im Jahr 2000 die Leitung des Instituts für Diakonat und pastorale Dienste im selben Bistum, dessen Weihbischof er 2007 wurde.