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Jesus spricht den Namen Gottes nicht aus, er bleibt in der zurückhaltenden jüdischen Tradition. Und Sr. Christine findet das „Gewirr“ im Evangelium ganz tröstlich: In der Welt, nicht mehr in der Welt, von der Welt und nicht von der Welt…

Sr. Christine Rod

7. Sonntag der Osterzeit: Joh 17, 6a.11b – 19
Lesejahr B

„Wie hast du´s mit der Welt?“ könnte man in Anlehnung oder auch in Umkehrung von Goethes berühmter Frage sagen: „Wie hast du´s mit der Religion?“ Religion und Glaube sind „spannende“ Angelegenheiten. Spannend nicht nur im übertragenen Sinn von „abenteuerlich“ (ja, das ist der Glaube auch), sondern ich meine „spannend“ in dem Sinne, dass der Glaube wirklich ausspannt zwischen Himmel und Erde, zwischen Distanz und Nähe zur Welt, zwischen Ablehnung und Hineingehen, zwischen Weltfeindlichkeit und Aufgehen in dieser Welt, zwischen Weltfremdheit einerseits und Bewohnen und Gestalten dieser Welt andererseits. Das heutige Evangelium ist reich an Spannungsfeldern, vielleicht sogar an Polaritäten.

Aber davor kommt – nach mehreren Hinweisen auf die Verherrlichung Gottes – ein Satz, der durch die Leseordnung einzeln herausgenommen und somit besonders hervorgehoben ist. In Vers 6 heißt es: „Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast.“ Der Name Gottes! Jesus sagt hier nicht, wie der Name Gottes lautet. Er bleibt dabei in der zurückhaltenden jüdischen Tradition. Aber der Hinweis auf den Namen Gottes lässt die Gedanken und die Erinnerungen sich weit zurück in die Geschichte ausstrecken: Bis zur Offenbarung des Namens Gottes an Mose im brennenden Dornbusch.

Der brennende Dornbusch

Mose hütet am Rand der Wüste die Schafe seines Schwiegervaters, als ihn die seltsame Erscheinung eines nicht verbrennenden Dornbusches anlockt und ihn anweist, ohne schützende Schuhe näher zu kommen. „Wer bist du?“ und „Wer bin ich?“ fragt Mose in diesem geheimnisvollen Gespräch immer wieder. Als sich die geheimnisvolle Gestalt noch immer nicht erschließt, probiert er es mit „Was soll ich denn den anderen sagen, wer du bist? Was soll ich ihnen sagen, mit wem ich hier gesprochen habe und wer mich zum Pharao schickt?“ Schließlich wird ihm doch eine Antwort geschenkt: Der Name dieser Macht, von der Mose ahnt, dass sie wohl göttlich oder vielleicht sogar Gott selbst sein muss, ist: „Ich bin der, der da ist.“, „Ich bin derjenige, der mit dir ist und mit dir geht.“, „Ich bin der Gegenwärtige.“

„Gott rettet“, „Gott erlöst“, „Gott heilt“

Jahrhunderte nach Mose wird uns in der Geschichte Jesus geschenkt, und auch in seinem Namen Jeshua oder Jehoshua leuchtet der uralte Gottesname auf, der auch wieder mehrere Deutungen zulässt. Man könnte sagen „Gott rettet“, „Gott erlöst“, „Gott heilt“ oder sogar so etwas wie „heilende Gegenwart“.
Jetzt, am Ende des Lebens Jesu und sogar am Ende der Abschiedsreden, im so genannten Abschiedsgebet, spricht Jesus vom Namen Gottes. Es ist, als ob er seinen Auftrag in diesen einzigen Satz legen würde: Den Menschen den gegenwärtigen Gott nahebringen.

Wie gesagt, es war ein einzelner Satz in der Leseordnung. Dann geht es weiter mit Vers 11: Jesus hat den Namen Gottes offenbart, und zwar den Menschen, „die du mir aus der Welt gegeben hast.“
Jetzt wird es schwierig, denn jetzt geht es um Gott und die Welt, um das Verhältnis Jesu zur Welt bzw. um das Verhältnis von Christinnen und Christen zur Welt. Was auch immer „die Welt“ ist und von einzelnen Menschen überhaupt als solche erfasst und erkannt werden kann.

Es geht um die Welt

Niemand kann die „ganze“ Welt überblicken und einschätzen. Dieses Ringen um den Platz in der Welt oder außerhalb der Welt ist einer der Charakterzüge des Johannesevangeliums. Es steht in manchen Passagen der so genannten Gnosis nahe, einer antiken Weltanschauung, die sich die auch damals schon vorhandene Komplexität der Welt mit Welt und Nicht-Welt, mit Gut und Böse, mit den Mächten des Lichtes und der Finsternis zu erklären und zu lösen versuchte.

Diese Suche um den rechten Platz im Verhältnis zur Welt begleitet zweitausend Jahre christlichen Glaubens, und sie begleitet uns bis heute. Vor allem die Orden waren und sind bis heute von diesem Spannungsfeld geprägt. Die ersten Mönche haben sich distanziert und sind in die Wüste hinausgegangen, um allein zu sein und um nicht mit den Versuchungen des Weltlichen konfrontiert zu sein. Dort, in der Distanz, hatten sie tatsächlich Zeit zum Beten und zum Reflektieren. Dann sind ihnen allerdings viele Menschen nachgereist und haben ihre Weisheit und ihren Rat gesucht. Somit ist „die Welt“ zu ihnen gekommen.

Die Fuga mundi

Später haben sich Orden so weit distanziert, dass manche in gewisser Weise weltfremd geworden sind: Sie sind hinter Klostermauern verschwunden, waren nicht mehr sichtbar und antreffbar. Sie selber haben keine Impulse und keine Inspiration von außen mehr bekommen, und einige von ihnen sind dadurch durchaus wunderlich geworden. Die „Fuga mundi“ ist heute noch ein Klischee, das man Orden oder manchmal sogar der Kirche insgesamt gerne umhängt.

Aber das ist nicht nur ein Thema von uns Orden und Ordensleuten. Kirche hat sich mit dieser Spannung von In-der-Welt und Nicht-in-der-Welt beschäftigt. Langsam hat sich im Lauf der Zeit eine Theologie herausgebildet, die ziemlich genau unterschieden hat zwischen „natürlicher, weltlicher“ und „übernatürlicher, geistlicher“ Welt, und die ziemlich genau gewusst hat, wer wohin gehört hat. Verheiratete Menschen waren Repräsentanten des Natürlichen, Priester und Ordensleute Repräsentanten des Übernatürlichen. Bis heute ist manchmal die Sprache verräterisch, wenn z.B. im Ordensumfeld von den Ordensleuten als den „Geistlichen“ und von den Mitarbeitenden in den großen Schulen und Krankenhäusern, ohne die wir gar nicht mehr wirksam sein könnten, als „Weltlichen“ gesprochen wird. Als ob wir nicht alle weltlich und geistlich zugleich wären!

Gott im gewöhnlichen Leben finden

Eigentlich hat das 2. Vatikanische Konzil mit dieser Zwei-Welten-Lehre, mit diesem so genannten Dualismus, Schluss gemacht. Diesem Konzil war es wichtig, jenseits von Trennungen und Abgrenzungen hinweg einen inkarnatorischen Glauben gleichsam wieder freizulegen und zu verkünden. Einen Glauben, der Fleisch und Blut und handfest ist, der nicht trennt zwischen „Menschlich“ und „Heilig“ oder zwischen „Weltlich“ und „Geistlich“. Einen Glauben, der alle menschlichen und weltlichen Gegebenheiten ernst nimmt und ihnen die Möglichkeit zutraut, dort, im ganz gewöhnlichen Leben, Gott zu finden. Und zwar, weil Gott selber in diese Welt hineingestiegen ist und Fleisch und Blut geworden ist.
Ich bin immer wieder ganz feierlich berührt, wenn ich die so genannte Pastoralkonstitution des Konzils (oder Teile daraus) lese. Der Titel dieser Konstitution lautet auf Deutsch übrigens „Kirche in der Welt von heute“. Also Kirche, wörtlich diejenigen „die dem Herren gehören“, sind mitten in dieser Welt; sie sind ein Teil von ihr. Die Welt ist sozusagen das Aquarium, in dem wir schwimmen. Wir sind nicht neben, nicht über, nicht vor, nicht jenseits der Welt. Nein, wir sind mittendrin. Und deshalb (ein letzter Hinweis auf die Pastoralkonstitution) heißt es, „dehalb ist ihnen – den Menschen, also uns – nichts wahrhaft Menschliches fremd“.

 

Trost im Gewirr

Nach diesem Exkurs komme ich wieder zurück zum heutigen Evangelium. Irgendwie ist es ein ziemliches Gewirr, und man muss den Text gut und mehrfach lesen: In der Welt, nicht mehr in der Welt, von der Welt und nicht von der Welt.
Gerade dieses Gewirr ist für mich ein Trost: Es ist tatsächlich nicht so klar – und schon gar nicht ein für allemal, wo unser Platz als Christinnen und Christen im allgemeinen und für uns als Or-densleute im Besonderen ist. Manchmal müssen wir mitten in diese unübersichtliche Welt hinein-gehen, die Ärmel hochkrempeln, uns die Hände schmutzig machen und mit den Menschen und für die Menschen da sein. Dann wieder ist es gut, wenn wir in Distanz gehen, entweder weil wir uns selber erst einen Überblick verschaffen und die Spuren des Geistes suchen müssen. Oder weil es manchmal gut und notwendig ist zu sagen: Nein, da mache ich nicht mit. Nicht mit mir!

„In all dem von Gott bewahrt und gleichsam eingehüllt in seinen Segen“

Jesus hat ganz sicher nicht gesagt: Beharrt in vornehmer Zurückhaltung. Geht in eure „splendid isolation“, und macht euch die Hände nicht an dieser Welt und an diesen Menschen schmutzig. Lasst euch ja nichts, was die Menschen und was das Mensch-sein betrifft, zu nahe gehen. – Nein, es klingt wahrlich anders. „Ich bitte nicht“, sagt Jesus in Vers 15 zum Vater, „dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie vor dem Bösen bewahrst.“
Mehreremale ist vom Bewahren die Rede: Mitten in der Welt sein, mittendrin und in Berührung mit allem, was Leben und Lebendigsein ausmacht. Ausgesetzt sein und gegenwärtig. Und in all dem von Gott bewahrt und gleichsam eingehüllt in seinen Segen. Ja, damit kann ich als Christin wahrlich gut leben.

Manchmal zu nah an der Welt

Manchmal sind Christen und Christinnen immer noch zu weit von der Welt entfernt. Im Denken und Fühlen zumindest. Manchmal höre ich Stammtisch-artig: „Heute ist alles schlecht. Die Menschen haben keinen Glauben mehr, die Jungen schon gar nicht. Und Werte haben sie auch keine mehr.“ Usw. usf. Ja, wenn das so ist, dann muss man sich tatsächlich schützen und in Distanz gehen. Allerdings: Davon steht nichts im heutigen Evangelium, und es geht in keiner Weise um Weltfeindlichkeit. Manchmal sind wir Christinnen und Christen tatsächlich zu nah an der Welt, zu sehr mittendrin. Wir lassen uns gleichsam auffressen vom Hier und Jetzt, hetzen dem, was wir für Glück halten, unersättlich hinterher, weil wir meinen, es doch mit eigener Anstrengung schaffen, es „herkriegen“ müssen.

„Was ist unser Platz als glaubende Menschen in dieser Welt?“

Gott und die Welt, wir und die Welt. Im Johannesevangelium, geht es manchmal „wild“ hin und her zwischen „in der Welt“, „von der Welt“, „doch nicht von der Welt, aber vor dem Bösen bewahrt“. Ehrlich gesagt: Ich finde das – wie eingangs schon gesagt – durchaus herausfordernd. Aber nochmals und noch mehr: Ich finde das sehr tröstlich! Schon der Evangelist Johannes hat sich mit dem Thema herumgeschlagen: Was ist unser Platz als glaubende Menschen in dieser Welt, was ist unser Verhältnis zu ihr? Es ist nicht eindeutig, und es wird auch uneindeutig bleiben. Und weil es eben nicht eindeutig ist, deshalb lässt Johannes Jesus so ausführlich daran herum-kauen. Der Geist Gottes wird mit uns gehen und wird uns helfen, zur richtigen Zeit die richtigen Unterscheidungen, dann die richtigen Standpunkte zu finden und schließlich die richtigen Schritte zu setzen.

Was ich im heutigen Evangelium besonders begriffen habe? Der Glaube lädt mich ein, mit Nicht-Eindeutigkeiten zu leben – und mich in Gottes Namen in diese Welt senden zu lassen.

 

Generalsekretärin der Österreichischen Ordenskonferenz

 

(radio vatikan – claudia kaminski)