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Pater Norbert Hofmann beleuchtet die Seligpreisungen und erläutert, dass Jesus zuerst den in jeder Hinsicht Bedrückten und Bedürftigen seine Zuwendung schenkt. Papst Franziskus liege da mit seiner Bevorzugung der Armen auch ganz auf der Linie Jesu.

Dr. Norbert Johannes Hofmann 

Lk 6,17.20-26 Lesejahr C

Seit 2014 verbringe ich zur Aushilfe die Kar- und Ostertage, manchmal auch einige Tage im Sommer, in den Pfarreien Berchtesgaden und Ramsau im südöstlichsten Zipfel Deutschland Richtung Salzburger Land. Ich kann dann im Pfarrhof von Berchtesgaden wohnen, dem ein verschlungener Pfad nach oben zu einer kleinen Kapelle gegenüberliegt.

 

Von dort aus hat man einen phantastischen Panoramablick auf den Watzmann, gleichsam der Hausberg Berchtesgadens mit 2713 Höhenmetern, den zweitgrößten Berg Deutschlands nach der Zugspitze. Dieser Pfad schlängelt sich stetig nach oben, liegt doch Berchtesgaden in einem Talkessel, der nur von eindrucksvollen Bergen umgeben ist. Seit einiger Zeit ist dieser kleine Weg in die Höhe den so genannten „Seligpreisungen“ gewidmet, das sind die „Selig-Sprüche“ Jesu im Evangelium. In jeder Kurve befindet sich eine nahezu mannshohe Skulptur, die eine der acht Seligpreisungen dokumentiert. Wo es zum Beispiel um den Frieden geht, hat der Künstler eine Taube mit einem Ölzweig im Schnabel porträtiert.

Acht Seligpreisungen

Man kann jeweils an den Skulpturen die entsprechende Seligpreisung ablesen und diese in Anbetracht des Bergpanoramas meditierend verinnerlichen. Zudem lädt der schmale und äußerst steile Pfad sowieso zu einigen Verschnaufpausen ein, so dass ein Verweilen vor den jeweiligen „Seligpreisungen“ durchaus im Einklang mit den Absichten des Künstlers steht. Man kann dort acht Seligpreisungen bewundern, wir aber hörten im heutigen Evangelium des heiligen Lukas nur vier von ihnen. Wo also hat der Künstler die restlichen vier Seligpreisungen her?

Das Erzählmaterial der Synoptiker

Hat er sie selbst erfunden oder woanders gelesen? Die Antwort ist ganz einfach: es gibt vier Evangelien, die des Matthäus, des Markus, des Lukas und des Johannes, wobei die ersten drei derart zusammenhängen, dass in ihnen oft die gleichen Themen in manchmal verschieden gestalteten Erzählungen auftauchen. Man hat den Eindruck, dass sie voneinander abgeschrieben haben. Wenn man genauer hinschaut, bildet aber das kürzeste Evangelium des Markus die Grundlage für die beiden anderen Evangelien des Matthäus und des Lukas. Haben also diese beiden abgeschrieben? Ja und Nein. Zum einen benutzen sie den Erzählstoff von Markus, weisen aber jeweils eine eigene Gliederung auf und ergänzen ihre Grundlage durch andere Einschübe. Zudem hat man den Eindruck, dass Matthäus und Lukas gemeinsam noch eine andere Quelle benutzt, die hauptsächlich Reden Jesu beinhaltet haben könnte. Die Exegeten, also die Bibelausleger, entwickeln da eigene Theorien, wie das Erzählmaterial der „Synoptiker“ – so heißen im Fachjargon die ersten drei Evangelisten – zusammenhängt. „Synoptiker“ kommt vom Griechischen und meint eigentlich nur „Zusammen-Schauen“, weil man die Erzählfäden von Matthäus, Markus und Lukas „zusammenschauen“, also vergleichen kann.

„Wir aber hören heute Jesus ganz deutlich viermal „Weh“ rufen.“

Wie auch immer, wir betreiben hier keine Fachexegese, sondern wollen nur erklären, woher der Künstler die weiteren vier Seligpreisungen hat. Und da wird man im fünften Kapitel des Matthäusevangeliums fündig. Dort entdeckt man genau die acht Seligpreisungen, die von einer neunten summarisch zusammengefasst werden. Zudem findet man bei Matthäus keine Wehrufe, die den Seligpreisungen gegenübergestellt werden. Wir aber hören heute Jesus ganz deutlich viermal „Weh“ rufen. Für Fachexegeten wäre es nun interessant, die beiden Fassungen der Seligpreisungen ganz genau zu vergleichen und entsprechende Schlüsse zu ziehen, welche Absichten jeweils Matthäus und Lukas mit der unterschiedenen Anordnung und Komposition der Texte verfolgen. Für Sie aber, liebe Mitchristen, wäre das eine langweilige und fruchtlose Angelegenheit, ihr Ohr den Spitzfindigkeiten der Exegeten zu leihen. Insofern fragen wir nach dem Heilssinn dieser Seligpreisungen und Wehrufe in unserem heutigen Evangelium, und welche Folgen das für unser eigenes Christ-Sein haben könnte.

Jesus ging auf einen Berg, um zu beten

Eines fällt dennoch im Vergleich der beiden Fassungen der Seligpreisungen auf: Während Matthäus Jesus zunächst in Galiläa die frohe Botschaft verkünden und dann mit den Jüngern einen Berg hinaufsteigen lässt, ergibt sich bei Lukas ein völlig anderer Zusammenhang. Dort geht Jesus auf einen Berg, um zu beten, und im Anschluss daran die zwölf Apostel zu erwählen. Mit ihnen steigt er den Berg hinab, wie wir es im Evangelium von heute hören, wendet sich als aller erstes den Leuten in ihren Gebrechen und Unzulänglichkeiten zu, um sie zu heilen. Erst danach richtet er seine Augen auf seine Jünger, um ihnen die Seligpreisungen und Wehrufe zu präsentieren.

„In der Bibel ist normalerweise der Berg ein Ort der Gottesbegegnung“

In der Bibel ist normalerweise der Berg ein Ort der Gottesbegegnung, so dass Matthäus die auf dem Berg ergangene Lehre Jesu in die göttliche Sphäre rückt. Lukas aber verortet nun die Jüngerberufung in die Gott nahestehenden Region, den Berg, lässt aber dann alle herabsteigen, damit sie sich um die heilsbedürftigen Menschen kümmern. In diesem Zusammenhang ergehen dann die Seligpreisungen und Wehrufe ausschließlich an die Jünger. Das entspricht einer durchgängigen Tendenz im Lukasevangelium: Jesus wird dort besonders als der „gute Hirte“, als der „demütige Heiland“ beschrieben, der sich um die Seinen kümmert, für sie da ist, ihnen Heilung und Trost zukommen lässt.

Durch Jesus kommt das Verlorene neu in den Blick

Lukas hat einen Blick für das Verlorene und Bruchstückhafte, das durch Jesus neu in den Blick kommt. Die Armen, Kranken und Ausgestoßenen bedürfen mehr der Barmherzigkeit Gottes, die durch Jesus zum Vorschein kommt.
Aber schauen wir nun näher auf die jeweils vier Seligpreisungen und Wehrufe Jesu. Man entdeckt, dass sie genau spiegelverkehrt angeordnet sind. Auf der einen Seite heißt es „Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet gesättigt werden“ (Lk 6,21), auf der anderen Seite aber „Weh euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr werdet hungern“ (Lk 6,25). Diese Struktur haben alle vier Seligpreisungen und Wehrufe. Matthäus spricht in der dritten Person, also „Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit“ (Mt 5,6), Lukas aber redet die Jünger direkt an „Weh euch, die ihr jetzt satt seid“ (Lk 6,25). Das erzeugt eine andere Unmittelbarkeit, eine viel direktere Kommunikationssituation. Wir entdecken eine Doppelstruktur sowohl bei den Seligpreisungen, als auch bei den Wehrufen, ein „Hier und Jetzt“ und ein „Danach und Später“.

Es geht um das Reich Gottes

Dass mit der zweiten Dimension auf das konkrete Reich Gottes verwiesen ist, beweist die erste Seligpreisung „Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes“ (Lk 6,20). Das heißt doch nichts anderes, als dass Jesus die gängige irdische Wirklichkeit der zukünftigen himmlischen im Reich Gottes gegenüberstellt. Denen es jetzt schlecht geht, also den Armen, Hungernden, Weinenden und Gehassten, wird es beim Anbruch des Reiches Gottes besser gehen, denn dann werden sie zu den Reichen, Satten, Lachenden, und Geliebten gehören. Und umgekehrt werden die jetzt Reichen, Satten, Lachenden und von den Menschen Gelobten und Geliebten im Reich Gottes zu den Trostlosen, Hungernden, Weinenden und Ausgegrenzten gehören. Das ist die Umwertung aller Werte, das ist Revolution. Das ist aber zugleich auch ein riesiger Trost für die, die in diesem Leben zu kurz kommen.

„Eine Warnung an die, die heute ohne Sorgen in Saus und Braus leben“

Zugleich aber auch eine Warnung an die, die heute ohne Sorgen in Saus und Braus leben, sich nur um sich selbst kümmern, um ihren eigenen Profit, ihre Macht und ihr Ansehen.
Die wirklich von Jesus Auserwählten sind die Armen und in jeder Hinsicht Bedrückten und Bedürftigen, ihnen schenkt er zuerst seine Zuwendung, sein Herz. Insofern liegt da Papst Franziskus mit seiner Bevorzugung der Armen genau auf der Linie Jesu, wie er im Lukasevangelium dargestellt wird. Es ist ja doch so, dass genau die Armen, Kranken und Bedürftigen einen Heiland brauchen, ihr Herz ist offener für die Wirklichkeit des Reiches Gottes. Was haben sie denn schon außer Gott selbst – und damit haben sie eigentlich alles. Die Reichen hingegen und Mächtigen brauchen doch gar keinen Gott, sie haben schon alles, was ihr Herz begehrt.

Die große Täuschung unserer Tage

Und das ist die große Täuschung und Versuchung unserer Tage: Man braucht keinen Gott, man will selbst Gott sein, alles in der Hand haben, kontrollieren und nach eigenem Bedürfnis zurechtbiegen. Wir haben doch das entsprechende „Know how“ durch die immer mächtigere Wissenschaft, unsere eigenen Erfahrungen und Theorien, die wir entsprechend unserer eigenen Schlauheit auszuklügeln vermögen. Und wir lernen, Meinungen und Menschen zu manipulieren, sie uns – wie auch immer – gefügig zu machen. Politik und Massenmedien sind aufeinander angewiesen, und gehen Hand in Hand, um den Leuten, die Welt zu erklären. Und die glauben das meistens und hinterfragen oft nichts. Unsere Gesellschaft ist immer mehr säkular, also ganz und gar der Welt zugewandt, in der Politik gibt es immer weniger überzeugte Christen, die irgendwie christliche Werte zu realisieren gewillt sind.

Der wahre Christ glaubt an das Evangelium

Und Politikern geht es in erster Linie um die eigene Macht, sie zu erlangen, zu sichern und zu vermehren. Versprechen werden gemacht und gebrochen, die Auffassung von der Wirklichkeit so hingedreht, dass sie zum eigenen Vorteil gereicht.
Der wahre Christ heute glaubt nicht an sich selbst, nicht an die Politiker oder die Medien, die heute kaum mehr beanspruchen können, eine moralische Größe in der Gesellschaft zu sein. Er glaubt an das Evangelium, an Jesus Christus selbst, an seine Verheißungen einer besseren Welt im Reich Gottes. Das „Hier und Jetzt“ ist vorläufig und vergeht schneller als wir glauben. Es geht darum, dass wir unseren Blick für unsere wahre Zukunft schärfen, die darin besteht, bei Jesus im Reich Gottes aufgehoben zu sein. Der wahre Christ hat die Fähigkeit, über die irdischen Dinge hinaus in den Himmel zu blicken.

(radio Vatikan – redaktion claudia kaminski)

Unser Sonntag: Im Februar mit P. Norbert Hofmann

Im Februar begleitet uns bei „Unser Sonntag“ wieder P. Norbert Hofmann SDB. Der aus Oberfranken stammende Ordenspriester wirkt in der Kurie als Sekretär der Päpstlichen Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum. Zuletzt hielt er die Betrachtungen im August 2020.

Hofmann wurde 1990 zum Priester geweiht, studierte in Luzern, Zürich und Rom und ist seit 2002 im Vatikan tätig.