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Wir sind dazu aufgerufen, die Barmherzigkeit Gottes nachzuahmen, so Pater Norbert Hofmann. Die Frage ist, ob wir damit nicht moralisch überfordert sind. Der Geistliche teilt uns seine Erfahrung mit, was es mit uns macht, wenn wir für unsere Feinde beten.

Dr. Norbert Johannes Hofmann

Lk 6,27-38 Lesejahr C

Ich habe persönlich einen Politiker kennengelernt, der schon seit den Tagen seiner Jugend die Position hatte bekleiden wollen, in der ich ihn angetroffen habe. Mit Anfang fünfzig hatte er dann tatsächlich das erreicht, wovon er immer schon geträumt hat.

Jetzt könnte man meinen, dass dieser Mann genau von Anfang an gewusst hat, wo er hinwill und dafür alle Kräfte und Fähigkeiten aufgeboten hat, die im politischen Spiel notwendig sind, um nach oben zu kommen. Ein zielbewusster Mann, der die richtige Strategie gewählt hat. Tatsächlich ist er schon als junger Mann in diejenige Partei eingetreten, die ihm im lokalen Kontext die größten Machtoptionen geboten hat. Eine langjährige Regierungspartei scheint da auf jeden Fall bessere Chancen zu bieten als eine randständige politische Formation. Überzeugungen spielten eher eine untergeordnete Rolle, denn der Wille zur Macht war überdimensional ausgeprägt.

Ein karrierorientierter Politiker…

Da ich aus seinem Umfeld weitere politische Weggefährten kenne, wurde mir klar, warum dieser Mann nach oben gekommen ist. Er sei schon in jungen Jahren absolut karriereorientiert, ehrgeizig und machtbewusst gewesen, hätte immer schon in das nächst höhere Gremium gewählt werden wollen. Aus diesem Grund hätte er gleichsam die Leute in den Parteigremien gedrängt, ihn und keinen anderen aufzustellen und zu wählen. Er ging nur Verbindungen zu Leuten ein, die ihn bei seiner Karriere bedienen konnten, zu normalen menschlichen Beziehungen wäre er gar nicht mehr fähig gewesen.

…schaltet Konkurrenten aus

Sobald er von einem das bekommen hatte, was er wollte, hätte er ihn fallen gelassen und sich an andere herangemacht, die ihn noch höher hinauf katapultieren konnten. Auf einer gewissen Stufe hätte er es zur Meisterschaft gebracht, die Konkurrenten in der eigenen Partei mit Schmutzeleien anzuschwärzen und mithilfe der Medien unmöglich zu machen, so dass sie ihm das Feld überlassen mussten. Und siehe da: er war an der Macht. Aber auch das war ihm zu wenig: er wollte immer noch höher hinauf und versuchte daher, durch gezielte Sticheleien und strategische Medienarbeit die ganz Oben unmöglich zu machen, so dass er als die einzige rettende Alternative erschien.

„Die Regeln der Politik scheinen oft fragwürdig“

Die Regeln der Politik scheinen oft fragwürdig, zumal es im Normalfall jedem Politiker um den Erhalt oder Ausbau der eigenen Macht geht, und manche sind dafür sogar bereit, über Leichen zu gehen. Das beschriebene Verhalten des Politikers steht aber nun in absolutem Kontrast zu dem, was wir heute im Evangelium gehört haben. Jesus gibt ethische Weisungen, wie ein gelungenes Leben unter uns Menschen in seiner Nachfolge aussieht. Der Evangelist Lukas beschreibt in der so genannten „Feldrede“ Jesu ethische bzw. moralische Verhaltensregeln, die den Christen im zwischenmenschlichen Umgang prägen sollten. Im Matthäusevangelium finden wir als Parallele die so genannte „Bergpredigt“, weil dort Jesus auf einem Berg lehrt, und nicht in der Ebene wie bei Lukas. Das Verhalten des Politikers ist, was zwischenmenschliche Beziehungen betrifft, absolut berechnend und vom Suchen nach dem eigenen Vorteil geprägt; es geht in jedem Fall immer um neue und größere Machtoptionen.

„Wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Dank erwartet ihr dafür?“

Diese Art von Beziehungsaufnahme, also die anderen für eigene Machtzwecke zu missbrauchen, um von ihnen etwas zu bekommen, oder auch nur das billige „Wie Du mir, so ich Dir“ – genau das verurteilt Jesus deutlich: „Wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Dank erwartet ihr dafür? … Und wenn ihr denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank erwartet ihr dafür?“ (Lk 6,32-33). Die so genannte „goldene Regel“ im Umgang mit anderen, die Jesus erwähnt „Und wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das tut auch ihnen!“ (Lk 6,31), kann höchstens ein Minimum an Anstand im korrekten zwischenmenschlichen Verhalten garantieren. Jesus will mehr!

Moralische Überforderung?

In unserem Evangelium geht es um die Feindesliebe und um die Barmherzigkeit im gegenseitigen Umgang. Zweimal hörten wir im Text, dass wir angehalten sind, unsere Feinde zu lieben (vgl. Lk 6,27.35). Und es geht darum, die Barmherzigkeit Gottes nachzuahmen: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Lk 6,36) Ist das nicht eine moralische Überforderung, dass wir unsere Feinde lieben und genauso barmherzig sein sollen wie Gott selbst? Viele versuchten schon, die Sprengkraft und Brisanz der „Bergpredigt“ des Matthäus bzw. der „Feldrede“ des Lukas einzuhegen oder zu verharmlosen, indem sie meinten, hier handele es sich um eine so genannte „Gesinnungsethik“.

Jesus betet am Kreuz für seine Feinde

Diese besagt, dass es Jesus eben wortwörtlich nicht ganz so gemeint haben kann, wie wir es gehört haben, sondern von seinen Nachfolgern würde nur eine bestimmte Gesinnung erwartet, die irgendwie in unbestimmter Weise in Richtung „Feindesliebe“ und „Barmherzigkeit“ geht. Um hier weiterzukommen, muss man aber auf das Leben Jesu selbst schauen, nicht nur seine Worte wägen. Als Jesus zusammen mit zwei Verbrechern zur Hinrichtung geführt wurde, betet er am Kreuz für seine Feinde: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lk 23,34). Wer von uns könnte denn in der Stunde seines Todes für die beten, die ihn ermorden? Das ist ein Akt übergroßer Liebe, das scheint uns kaum möglich, ist übermenschlich und überschreitet unseren Horizont, unsere Fähigkeiten. Wie gerne verdammen wir die, die uns Böses getan haben, wie oft reden wir schlecht über sie und würden sie am liebsten ganz aus unserer Umgebung entfernen.

„Tut denen Gutes, die euch hassen! Segnet die, die euch verfluchen“

Dazu Jesus: „Tut denen Gutes, die euch hassen! Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch beschimpfen!“ (Lk 6,27-28). Diese Forderung ist ein starkes Stück. Können wir das überhaupt?
Ich habe irgendwann einmal angefangen, das wörtlich zu nehmen, und für die zu beten, die mir Böses getan hatten oder mich nicht ausstehen konnten. Ich machte die interessante Erfahrung, dass die anderen sich zwar nicht ändern und auch das Böse als Böses weiterhin seine Wirkungen entfaltet, aber meine Einstellung zu diesen Menschen änderte sich im Laufe der Zeit. Ich konnte sie nicht mehr hassen, sondern sie taten mir einfach nur noch leid. Das Böse konnte ich nicht mehr so ernst nehmen, ich konnte es leichter ertragen, fast in spielerischer Weise. Andere Menschen können wir kaum ändern, aber unser eigenes Herz, unsere eigene Einstellung ihnen gegenüber.

Keine Komplizenschaft mit dem Bösen

Sollten wir uns nicht wehren, wenn uns Böses widerfährt? Ganz klar, eine Komplizenschaft mit dem Bösen kann es für den wahren Christen nicht geben, aber im Zentrum unserer Überlegungen sollte immer das Wohl des anderen stehen, auch wenn er uns nicht angenehm oder sympathisch, vielleicht uns gegenüber sogar feindlich gesinnt ist. Alle Menschen ohne Ausnahme sind Geschöpfte Gottes; er selbst aber ist auch „gütig gegen die Undankbaren und Bösen“ (Lk 6,35). Und damit sind wir bei einer Grundeigenschaft Gottes: er ist der Barmherzige, der ein Herz für den Menschen hat, sich ihnen zuneigt, sie ernst nimmt und auf ihre Not schaut.

„Du aber, Herr, bist ein barmherziger und gnädiger Gott“

Schon im Alten Testament wird Gott im Buch Exodus nach dem Abfall des Volkes, das sich ein goldenes Kalb gemacht hatte, um es anzubeten, im Kontext der Bundeserneuerung und Vergebung als ein barmherziger Gott beschrieben: „Der HERR ist der HERR, ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Huld und Treue“ (Ex 34,6). Im Buch der Psalmen wird Gott mehrfach als barmherziger und gnädiger Gott angerufen: „Du aber, Herr, bist ein barmherziger und gnädiger Gott, langsam zum Zorn und reich an Huld und Treue“ (Ps 86,15; vgl. auch Ps 103,8; 111,4; 112,4; 116,5; 145,8). Im Alten Testament wird die Barmherzigkeit Gottes mit seiner Gnade und Treue kombiniert, so dass diese drei Eigenschaften fast als eine einzige erscheinen: der barmherzige Gott ist zugleich der gnädige und treue Gott. Als der barmherzige Gott hört er auf den Ruf der Armen und Bedürftigen, ist ihnen nahe und gewährt ihnen Hilfe. Barmherzigkeit hat also damit zu tun, den anderen nicht nur korrekt und entsprechend der Gesetze und traditionellen Gewohnheiten zu behandeln, sondern ihn in seiner Not ernst zu nehmen, ihm sein Herz zu schenken und für ihn da zu sein.

Gesetze können nur das Mindestmaß der Liebe garantieren

Die Gesetze können nur das Mindestmaß der Liebe garantieren, nie aber die Liebe selbst. Das ist ein durchgängiges Prinzip der „Bergpredigt“ des Matthäus bzw. der „Feldrede“ bei Lukas. Im Evangelium von heute wird uns ans Herz gelegt, den anderen nicht zu richten und zu verurteilen, ihm die Schuld nachzulassen und großzügig im Geben und Schenken zu sein. Gott hat von seiner Absicht her keine kleinlichen und geizigen Geschöpfe geschaffen, sondern hat ein Gefallen an großzügigen, verzeihenden und toleranten Menschen, die die anderen nicht mit ihren eigenen Maßstäben richten, verurteilen und in eine Ecke drängen. Die Menschen aber, die sich Gott verschließen, nur sich selber kennen und in ihrem Egoismus andere letztendlich hassen und nicht verzeihen können, die schließen sich eigentlich selber aus von der Güte und Barmherzigkeit Gottes.

„Wir alle sind nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen und durch Jesu Heilstat für die göttliche Sphäre bestimmt“

Das Evangelium von heute enthält aber nicht nur Weisungen an uns, wie wir uns dem anderen gegenüber verhalten sollen, damit unser soziales Leben gottgefällig wird. Es enthält auch eine Verheißung: „Dann wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Söhne des Höchsten sein“ (Lk 6,35). Gott möchte, dass wir groß sind wie er, denn letztlich sind wir ja nicht nur für Gott bestimmt, sondern auch göttlicher Natur. Wir alle sind nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen und durch Jesu Heilstat für die göttliche Sphäre bestimmt. Insofern sind wir zur „imitatio dei“ eingeladen, zur Nachahmung Gottes, wenn es um die Liebe und Barmherzigkeit geht. Er selbst wird uns dazu die Kraft geben, wenn wir ganz auf ihn vertrauen und uns an ihm allein festmachen.

(radio vatikan – redaktion claudia kaminski)

 

Unser Sonntag: Im Februar mit P. Norbert Hofmann

Im Februar begleitet uns bei „Unser Sonntag“ wieder P. Norbert Hofmann SDB. Der aus Oberfranken stammende Ordenspriester wirkt in der Kurie als Sekretär der Päpstlichen Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum. Zuletzt hielt er die Betrachtungen im August 2020.

Hofmann wurde 1990 zum Priester geweiht, studierte in Luzern, Zürich und Rom und ist seit 2002 im Vatikan tätig.