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Wir veröffentlichen hier die Sendung „Unser Sonntag“, die unsere Direktorin für Kommunikation, Dr. Claudia Kaminski, im März mit Dr. Michael Max, dem neuen Rektor der Anima in Rom, für unseren Partnersender Radio Vatikan produziert.

In seinem Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ erzählt Hans Christian Andersen vom Kaiser, der zwei Betrügern auf den Leim geht. Dieser Kaiser ist eitel und liebt es vor allem seine Garderobe zu präsentieren: „Für jeden Tag hatte er einen eigenen Rock“, so heißt es, „und wie man von anderen Herrschern sagte, sie seien im Rat, so sagte man von diesem Kaiser: Majestät ist in der Garderobe.“

Eines Tages kommen die beiden Betrüger in die Stadt und erkennen seine Schwachstelle. So wie alle Betrüger immer ein besonderes Sensorium für die Schwächen anderer Menschen haben. Sie geben sich als Weber aus, die es verstehen würden, die schönsten und besten Stoffe und Gewänder herzustellen, so besonders, dass nur Kluge und Weise sie sehen könnten.

Der neugierige Kaiser

Wer dumm oder unfähig zu seinem Amte wäre, dessen Blicken würden diese wunderbarsten Stoffe verborgen bleiben. Und so kommt es, wie es kommen muss: Die beiden Betrüger bekommen vom eitlen Kaiser einen Auftrag. Sie tun so, als würden sie sich ans Werk machen, täuschen Arbeit Tag und Nacht vor und verlangen immer mehr feine Seide, Gold und Geld, die sie natürlich nicht für des Kaisers Kleider, sondern für ihre eigene Tasche verwenden. Der Kaiser wird neugierig, und möchte wissen, wie die Arbeiten vorangehen. Er schickt also seine Berater. Aber keiner von ihnen kann irgendetwas sehen. Und da sie alle zu stolz oder zu ängstlich sind, um am Ende zuzugeben, dass sie dumm oder für ihr hohes Amt ungeeignet wären, tun sie so, als würden sie tatsächlich die schönsten Stoffe, die prächtigsten Muster und die leuchtensten Farben sehen. Es steht eine festliche Prozession an, und der Kaiser möchte seine neue Garderobe, von der er natürlich nichts sieht, aber es nicht zugeben kann – als Kaiser ja schon gar nicht… – dem Volk präsentieren.

Die feigen Berater

„Seht, ich bin ja fertig!“ sagte der Kaiser. „Sitzt es nicht gut?“ Und dann wendete er sich nochmals zu dem Spiegel, denn es sollte scheinen, als ob er seinen Schmuck recht betrachte. Die Kammerherren, welche die Schleppe tragen sollten, griffen mit den Händen nach dem Fußboden, gerade als ob sie die Schleppe aufhöben; sie gingen und taten, wie wenn sie Etwas in der Luft hielten; sie wagten nicht, es sich merken zu lassen, dass sie nichts sehen konnten.“ Soweit Andersen wörtlich.
Da sich in der Stadt inzwischen herumgesprochen hatte, welch großartiges Werk, die beiden neu angekommenen Weber vollbracht hätten, jubelten alle dem Kaiser zu, beklatschten seine neuen Kleider, und sahen doch alle zusammen nichts. Nur ein kleines Kind rief plötzlich aus der Menge: „Aber der Kaiser ist doch nackt!“

„Aber dann kommt die Einsicht, dass hier auch von uns erzählt wird.“

Was ist wahr, und was nicht? Wo schauen wir durch die Finger, und was können wir durchschauen? Wie jedes Märchen sind auch „Des Kaisers neue Kleider“ nicht einfach nur eine gut erzählte Geschichte. Wir schmunzeln und schütteln den Kopf über den Kaiser und seine Untertanen, die so einfach in ihrem eigenen System zu fangen sind. Aber dann kommt die Einsicht, dass hier auch von uns erzählt wird. Wer möchte schon dumm sein, oder sich eingestehen müssen, für seine oder ihre Aufgabe nicht geeignet zu sein. Im Märchen zeigt sich genau darin die Unfähigkeit der Leute, dass sie nicht willens sind, über Ihren Schatten zu springen. Klug und fähig wäre es, einfach das beim Namen zu nennen, was klar vor den Augen liegt. Aber das gelingt am Ende nur dem Kind. Kindermund tut Wahrheit kund.

Der ehrliche Blick fällt schwer

Die Vierzig-Tage-Zeit vor Ostern gibt uns die Gelegenheit genauer hin zu schauen als sonst vielleicht. Umkehr bedeutet zunächst, die Perspektive zu wechseln, und das aus dem Weg zu räumen, was einen gesunden, einen heilsamen Blick verstellt. Der Welt, in der ich lebe, und den Menschen um mich herum einem ehrlichen Blick auszusetzen ist nicht leicht. Die eigenen Täuschungen loszulassen und darauf zu verzichten, sich bereitwillig täuschen zu lassen, fällt schwer. Denn es stellt sich die Frage, was bleibt denn dann noch übrig? Möchte ich das dann überhaupt noch sehen, und vor allem: Reicht mir das dann? Das Evangelium des Dritten Fastensonntags macht genau dazu Mut!

„Die Opfertiere und das Geschäft damit sind wichtiger als das Opfer selbst“

„Schafft das hier weg! Macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!“ Tempelreinigung – oder: Jesu neue Kleider. Die Gesetze und die Vorschriften, mit denen das bunte Treiben in den Höfen des Tempels geregelt wird, sind wie die unsichtbaren Stoffe in Andersens Märchen.

 

Hier zum Nachhören

Unser Sonntag 7. März

Alle akzeptieren sie, und alle tun so, als ob sie nicht merken würden, dass damit das, worum es in diesem Tempel eigentlich geht, völlig in den Hintergrund gerät. Die Opfertiere und das Geschäft damit sind wichtiger als das Opfer selbst, das Gott allein den Herrn über das Leben anerkennt. Die Geldwechsler sind wichtiger als die Einsicht, dass im heiligen Bezirk die Logik des Geldes nicht gilt, sondern nur der Bund eines Gottes, dessen Macht darin besteht sich liebend zu verschenken.

Jesu heiliger Zorn will Augen öffnen

Jesu heiliger Zorn will allen, die sich blenden lassen, die Augen öffnen. Aber wer will das schon, wenn es bedeutet, gewohnte Wege zu verlassen, gewohnte Gedanken neu und anders zu denken, gewohnte Mechanismen, die ja durchaus einträglich sind, zu hinterfragen und aufzugeben? Wohin führt das? „Welches Zeichen lässt du uns sehen, dass du dies tun darfst?“, fragen sie ihn. Aber Jesu „neue Kleider“ können nur die sehen, die dem Leben tatsächlich zutrauen, lebendig sein zu dürfen. In der Antwort Jesu wird auch klar, dass er den Tempel für etwas Lebendiges hält. Nicht nur Mauern aus Stein, ein Wunderwerk der Architektur sicherlich: 46 Jahre wurde daran gebaut. Aber warum? Weil hier der Ort ist, der die Erinnerung aufrechterhält, dass Gottes Herrlichkeit mit den Menschen ist. Eine Gegenwart, die jeden Tag aufs Neue staunen kann über die Schöpfung und jeden Menschen in ihr. Eine Liebe, die nicht müde wird, Leben zu ermöglichen für alle, die so wie dieser Gott den Blick wagen, dass alles sehr gut geworden ist.

„Ein Gott, der mitgeht und in Bewegung setzen möchte“

Ein Gott, der mitgeht und in Bewegung setzen möchte. Aber das ist auch gleichzeitig die Ambivalenz des Tempels: Denn er zeigt als Bauwerk: Wir wissen, wo Gott ist, und damit haben wir ihn auch unter Kontrolle. Wer möchte denn das nicht? Diesen erhabenen Gott hier in unserer Welt festsetzen? In einem Tempel, in einer Idee, in einer Überzeugung, einem Plan, einem Projekt, in etwas, von dem ich überzeugt bin, dass es genau das ist, was auch Gott unbedingt möchte. Und genau das ist der erste Schritt, der mich am Ende so sein lässt wie der Kaiser in Andersens Märchen: Gefangen von einer Idee, einer Überzeugung oder einem Projekt, und letztlich blind für das, was wirklich notwendig ist. „Die Zeit ist wichtiger als der Raum“, sagt Papst Franziskus in Laudato si, und: „Wichtiger als Räume zu besitzen ist es, Prozesse in Gang zu setzen.“

Wahrheit, die erlöst

Auch die Tempelreinigung setzt letztlich einen Prozess in Gang: Dort wird Jesus endgültig zur Bedrohung für alle, deren Macht darin besteht, anderen den Weg zum Leben zu verstellen. Was im Tempelhof, im Zentrum der vermeintlichen Macht beginnt, findet außerhalb der Stadt auf dem Hügel Golgota seine machtlose Erfüllung. Am Kreuz zeigt sich endgültig, worauf die Opfer im Tempel schon immer hinweisen: Dass Gott nicht einer ist, der die Vernichtung eines Lebens braucht, sondern, dass es letztlich nur das liebende sich Verschenken ist, das Leben gibt. Dort am Kreuz hängt ein nackter Mensch. Aber anders als in Andersens Märchen ist das eine Wahrheit, die nicht entlarvt, sondern erlöst. „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn!“, werden wir am Palmsonntag aus dem Mund des römischen Hauptmannes unter dem Kreuz hören.

Im Tod ist ER da

Dort, auf Golgota baut Gott seinen Tempel, dort wo keiner mehr wohnen möchte, zieht er ein. Dort, wo jeder und jede von uns den letzten Schritt aus diesem Leben hinaus letztlich allein zu gehen hat – im Tod – ist er doch da, nimmt uns bei der Hand uns führt uns hinüber in die Ewigkeit seiner Liebe. Nicht die Bauwerke der Menschen, sondern das leere Grab am Golgota ist der Ort an dem deutlich wird: Gott ist da, seine Herrlichkeit ereignet sich im auferstandenen Christus durch die Kraft des Geistes immer neu und bleibt so bei den Seinen auf allen Wegen des Lebens.
Nach genau einem Jahr Pandemie sind wir inzwischen müde geworden. Das ständige Nähren von Hoffnung, das immer wieder neue Setzen von Zielen und Terminen, das andauernde Kreisen um Zahlen, Grenzwerte und Verordnungen braucht viel Kraft. Es verlangt von uns, dauernd Energie in Dinge zu investieren, die dann doch nicht gehen.

„Vieles, was lange wichtig war, vieles, ohne das es scheinbar gar nicht ging, hat sich in der Pandemie als „Kaisers neue Kleider“ entpuppt.“

Vieles, was lange wichtig war, vieles, ohne das es scheinbar gar nicht ging, hat sich im vergangenen Jahr als „Kaisers neue Kleider“ entpuppt. Manche sagen, das ist gut so, da konnte ich endlich den Ballast loswerden, den ich ohnehin schon viel zu lange mit mir herumgetragen habe. Aber viele haben auch Angst, weil sie nicht wissen, was an die Stelle von all dem brüchig Gewordenen treten soll, und woher neuer Halt und neue Orientierung für das Leben kommen. Einfache Antworten darauf und klare Rezepte, wie damit umzugehen ist, gibt es nicht. Diese Erfahrung teilen auch die Menschen des Volkes Israel auf ihrem Weg durch die Wüste mit uns. Was sie ausgezeichnet hat, und auch uns eine Hilfe sein kann, ist das: Sie sind aufgestanden und weiter gegangen. Nicht blindlings, nicht fatalistisch wie die Lemminge, sondern mit der Hoffnung, dass der, der sie in dieses Leben gerufen hat, sie darin nicht allein lässt, sondern mit ihnen geht.
Und wenn ich jeden Tag nur den Schritt tue, den gerade dieser Tag von mir verlangt, dann bin ich schon lebendig.

(radio vatikan – claudia kaminski)