Skip to main content
Läuft aktuell:
Shahbaz Bhatti – Ein Mann mit einem Traum; Dokumentation           Im Anschluss um 1:00 Uhr: Zwischen Tradition und Innovation; Abt Dr. Maximillian Heim OCist
Zum Live Stream
Kurt Kardinal Koch
Barmherzigkeitssonntag 2022

Sind Ostererfahrungen heute möglich?

„Die Botschaft hör´ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.“ Viele Menschen und teilweise sogar Christen sind heute geneigt oder fühlen sich gedrängt, in diese Worte von Goethes Faust einzustimmen. Sie bringen damit ihre Schwierigkeiten zum Ausdruck, die sie mit der Botschaft von Ostern haben. Zugleich sprechen diese Worte etwas zutiefst Wahres aus. Denn ohne Glauben könnten auch wir Christen heute mit der Osterbotschaft nichts oder kaum etwas anfangen. Sie wäre einfach eine Summe von Wörtern, wie wir viele im alltäglichen Leben kennen. Allein der Glaube, dass Gott seinen eigenen Sohn nicht im Tod gelassen, sondern aus dem Tod in sein ewiges Leben gerufen hat, und dass Gott folglich dem Tod nicht das letzte Wort zugesteht, sondern es zum zweitletzten Wort depotenziert, um dem Leben das letzte Wort zu geben, allein dieser Glaube macht die Osterbotschaft zu einer ganz besonderen Botschaft, zum Evangelium im besten Sinn des Wortes.

Vielleicht mit etwas Neid blicken wir auf die ersten Osterzeugen, von denen wir annehmen, dass sie leichter zum Glauben gekommen sind…

„Die Botschaft hör´ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.“ Hinter diesen Worten verbirgt sich nicht nur das ehrliche Eingeständnis, dass es an unserem Glauben mangelt, wenn wir die Botschaft von Ostern zwar hören, aber sie nicht eigentlich glauben und so zu verstehen versuchen. Man kann aus diesen Worten auch die resignierte Feststellung heraushören, dass wir heute die Botschaft von Ostern eben nur hören, aber Ostern nicht erfahren, und dass, könnten wir Ostern wirklich erfahren, der Glaube uns gewiss auch leichter fallen würde. Vielleicht mit etwas Neid blicken wir auf die ersten Osterzeugen, von denen wir annehmen, dass sie leichter zum Glauben gekommen sind, weil sie damals dabei gewesen sind und nicht nur auf die Worte von anderen vertrauen mussten, sondern weil sie Ostern selbst erfahren haben konnten. Die ersten Osterzeugen zeigen uns, dass das Hören der Osterbotschaft offensichtlich allein nicht genügen kann, dass man Ostern vielmehr erfahren muss, um glauben zu können. Im Unterschied zu damals ist dies aber, so scheint es jedenfalls, heute nicht mehr möglich.

Führt man sich diesen Unterschied vor Augen, stellen sich jedoch bald Gegenfragen ein: Wer möchte ehrlichen Herzens für sich in Anspruch nehmen, dass er damals leichter als heute zum Glauben an den auferweckten Christus gekommen wäre? Und woher wissen wir denn so sicher, dass die Jünger damals Ostern wirklich erfahren haben, heute jedoch Ostererfahrungen nicht mehr möglich sein sollen? Darin liegt doch die entscheidende Rückfrage, die offensichtlich bereits den Evangelisten Johannes beschäftigt hat. Er und seine Gemeinde sind von dem elementaren Problem bewegt gewesen, wie denn die Jünger Jesu, die nicht unmittelbar Augenzeugen des irdischen Lebens Jesu und der Ostererscheinungen des Auferstandenen gewesen sind, zum Glauben an den auferstandenen Christus kommen und dabei erfahren können, dass Jesus lebt und als der Auferstandene mitten unter ihnen gegenwärtig ist. In dieser bedrängenden Frage dürfte es begründet sein, dass Johannes im heutigen Evangelium so ausführlich über die Begegnungen des Auferstandenen mit seinen Jüngern berichtet. Was zeigt sich dabei?

 

Ostererfahrungen werden geschenkt

An erster Stelle zeigt das Evangelium unmissverständlich, dass wir Ostererfahrungen auch heute nicht von uns her machen können. Das Bild von den Jüngern, die aus grosser Furcht vor den Juden hinter verschlossenen Türen versammelt sind, spricht für sich. Aus Angst und Hoffnungslosigkeit angesichts des Todes ihres Herrn und Meisters am Kreuz haben sie sich in das Zimmer ihrer Einsamkeit eingeschlossen. Dieses Zimmer wird nur dadurch geöffnet, und zwar von aussen, dass der Auferstandene in dieses Gefängnis der Angst einbricht und die gespenstische Einsamkeit, in der sich die Jünger befinden, aufbricht mit seinem befreienden Friedensgruss: „Friede sei mit euch!“ Die Initiative dafür, Ostern erfahren zu können, geht eindeutig von Christus aus. Dieses Geschenk der neuen Gegenwart des Auferstandenen vermag Einsamkeit in Gemeinschaft und Angst in Freude zu verwandeln: „Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen.“ Tiefe Freude ist die erste Antwort auf Ostern, wie mit der Freude das Evangelium bereits beginnt, nämlich mit dem Gruss des Erzengels an Maria: „Freue Dich“. Der christliche Glaube, und zwar vor allem von Ostern her, ist die Religion der Freude, ja der göttlichen Ermächtigung zur Freude.

Die Freude, die der Auferstandene bringt, wird noch verständlicher, wenn wir bedenken, worin das Ostergeschenk genauer besteht, das der Auferstandene mit sich führt. Dieses Geschenk wird sichtbar in der Sendung an die Jünger, die sich dem Friedensgruss des Auferstandenen anschliesst: „Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert.“ Das erste Geschenk, das der Auferstandene zu seinen Jüngern bringt, besteht in der Sündenvergebung. Sie zu verkünden werden die Jünger an Ostern gesandt: Altes und Veraltetes, nämlich Sünde, aus der Welt zu schaffen und Neues, nämlich Vergebung, in die Welt zu tragen.

Um diese Sendung wahrnehmen zu können, begabt der Auferstandene seine Jünger mit dem Heiligen Geist. Bevor Jesus seine Jünger sendet, haucht er sie an und sagt zu ihnen: „Empfangt den Heiligen Geist“. Bei diesem verheissungsvollen Zuspruch denken wir unwillkürlich zurück an das Handeln Gottes bei der Erschaffung des Menschen. Indem Gott dem zu Adam modellierten Lehm seinen Atem einhaucht, wird er zum Leben erweckt. So bleiben auch die Jünger auf den Heiligen Geist angewiesen, um ihre österliche Sendung wahrnehmen zu können. Sie ist nur in der Kraft des Heiligen Geistes und damit in geistlicher Vollmacht möglich.

 

Nicht sehen und doch glauben

Ostern kann man nur erfahren, wenn nicht die Jünger selbst, sondern der Auferstandene im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Dies wird ganz deutlich in seiner Begegnung mit dem Apostel Thomas, der nur glauben will, wenn er handfeste Beweise erhält. Der Auferstandene lässt sich von Thomas bereitwillig anschauen und betasten. Es ist aber offensichtlich, dass dies allein seine Blindheit keineswegs zu überwinden vermag. Das Sehen und Betasten Jesu weckt noch keinen Glauben: „Die Botschaft hör´ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube“. Zum Glauben kommt Thomas vielmehr erst dadurch, dass der Herr ihn anspricht. Vom persönlichen Wort und der damit ausgesprochenen Güte des Herrn berührt, erkennt Thomas Jesus als den Auferweckten und ruft aus: „Mein Herr und mein Gott“.

Die persönliche Begegnung mit dem Herrn hat ihm die Augen geöffnet, so dass er glauben und deshalb sehen konnte.

Das Bekenntnis, das Thomas hier ausspricht, ist das basalste und zugleich schönste Glaubensbekenntnis auf dem Grund einer tiefen Ostererfahrung. Die persönliche Begegnung mit dem Herrn hat ihm die Augen geöffnet, so dass er glauben und deshalb sehen konnte. Hier bewahrheitet sich die Seligpreisung des Herrn: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“. Auf dieses Glauben kommt es auch heute entscheidend an, wie der Schluss des Evangeliums unmissverständlich zeigt: „Noch viele andere Zeichen, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind, hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen“ (Joh 20, 30f).

„Damit ihr glaubt“ – auf diesen Finalsatz läuft die ganze Erzählung über die Ostererscheinungen vor allem bei Thomas hinaus. In der Tat: Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Dies jedoch ist genau die Situation von uns Christen heute. In dieser Situation will uns das Evangelium helfen, damit auch wir heute zum Glauben kommen können. Wie ist dies möglich?

Thomas findet zum Glauben in der Gemeinschaft der Jünger

An erster Stelle gibt es zu denken, dass Thomas nicht allein und von sich aus zum Glauben kommt. Er findet zum Glauben vielmehr innerhalb der Jüngergemeinschaft, in deren Mitte Jesus kommt, in deren Lebensraum er einbricht und deren von Angst geplagtes Leben er mit seiner verheissungsvollen Gegenwart aufbricht. Die Versammlung der Jünger, in deren Mitte der Auferweckte gegenwärtig ist, ist der Ort, an dem die Jünger zum Glauben kommen werden. Was sich hinter den verschlossenen Türen im Saal der Jünger ereignet hat, ist die verborgene Geburtsstunde ihres Glaubens an den Auferweckten. Dasselbe will sich auch heute ereignen, wenn sich Christen am Sonntag versammeln, um das Wort Gottes zu hören und das österliche Geheimnis der Eucharistie zu feiern. Im sonntäglichen Zusammenkommen der christlichen Gemeinschaft will sich auch heute die je neue Geburtsstunde des Glaubens ereignen.

Um zum Glauben zu kommen, brauchen auch wir Christen heute kraftvolle Begegnungen mit dem Auferweckten, wie sie der Herr dem Thomas geschenkt hat, und zwar dadurch, dass sich der Auferstandene als der Gekreuzigte zu erkennen gegeben und seine Nagelwunden gezeigt hat. Denn der Auferstandene bleibt in alle Ewigkeit, auch und gerade in seiner Verherrlichung, der Verwundete und Gekreuzigte. Er will deshalb an seinen Wundmalen zu erkennen sein – auch in der heutigen Welt. Indem wir uns ihnen aussetzen, werden auch wir zum Bekenntnis bewegt: „Mein Herr und mein Gott.“

Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes

In diesem Bekenntnis wird uns bewusst, dass wir Christen aus der grenzenlosen Barmherzigkeit Gottes leben dürfen, die im Mittelpunkt des Ostergeheimnisses steht. Darin liegt der tiefe und schöne Sinn, dass der heilige Papst Johannes Paul II. im Jahre 2000 den Zweiten Sonntag der Osterzeit zum Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit erklärt hat. Denn wer in der Barmherzigkeit Gottes geborgen ist, dessen Leben ist nicht mehr von Angst stigmatisiert wie bei den Jüngern hinter verschlossenen Türen. Dessen Leben zeichnet sich vielmehr durch jenen Frieden aus, den der Auferstandene uns bringt und der Angst in Freude zu verwandeln vermag: „Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen.“

Die Osterfreude ist der sichtbare Ausdruck dafür, dass sich an Ostern die Verheissung Jesu in seinen Abschiedsreden erfüllt, dass er gehen muss und wieder zu seinen Jüngern kommen wird. Dies hat sich an Ostern damals ereignet, und dies ereignet sich auch heute, wenn wir Christen uns zum Gottesdienst versammeln. So sind auch heute Ostererfahrungen möglich, „damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus, der Sohn Gottes ist und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen“ (Joh 20, 30). Darin besteht die elementarste Ostererfahrung auch heute. Amen.

 

Erste Lesung:     Apg 5, 12-16

Zweite Lesung:  Offb 1, 9-11a. 12-13.17-19

Evangelium:       Joh 20, 19-31

Unser Sonntag: im April mit Kardinal Kurt Koch

Im April begleitet uns bei Unser Sonntag Kurt Kardinal Koch.

Der Schweizer studierte Theologie in Luzern und München und war in Luzern Professor für Dogmatik und Liturgiewissenschaft.

1996 wurde er vom Heiligen Johannes Paul II. zum Bischof geweiht und gab sich den Wahlspruch „Christus hat in allem den Vorrang“.

Papst Benedikt XVI. ernannte Kurt Koch am 1. Juli 2010 zum Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen und nahm ihn im selben Jahr in das Kardinalskollegium auf.

 

(radio vatikan – redaktion claudia kaminski)