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Wir veröffentlichen hier die Sendung „Unser Sonntag“, die unsere Direktorin für Kommunikation, Dr. Claudia Kaminski, im Januar mit Florian Wörner, Weihbischof in Augsburg, für unseren Partnersender Radio Vatikan produziert.

Florian Wörner, Weihbischof in Augsburg

Liebe Schwestern und Brüder!

Was ist denn hier los? Der Auftritt Jesu in der Synagoge von Kafarnaum und die außergewöhnlichen Dinge, die dabei geschehen, erregen Aufsehen. Die Leute sind betroffen, und sie erschrecken. Was ist denn hier los? „Was ist das“ (Mk 1,27), fragen sie.

„Der Teufel ist los“, im wahrsten Sinne des Wortes. Unter den Synagogen-Besuchern ist einer, der seiner nicht mächtig ist, weil eine dunkle Macht ihn in ihrer Gewalt hat. Von einem „unreinen Geist“ (Mk 1,23) ist die Rede, wobei mit „unrein“ der ganze Dunstkreis des Widergöttlichen und des Bösen gemeint ist. Dieser Dämon bringt den Mann dazu, Jesus anzubrüllen: „Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret?“ (Mk 1,24) Das schlechte „Gewissen“ und der dunkle Instinkt wittern präzise, was für ein hoher Gast sich in der Synagoge von Kafarnaum eingefunden hat: „der Heilige Gottes“.

Gottes Wort spricht die Menschen in der Tiefe des Herzens an

Und es wird sehr schnell deutlich, dass es zwischen der Welt der Finsternis und Jesus Christus, dem Licht der Welt, kein Pardon gibt. Was er vorher gepredigt hat, wird jetzt für alle offenkundig: Das Reich Gottes bricht an, das Reich der Liebe, des Lichtes und der Wahrheit, und zwar mit Kraft und Vollmacht. Sein Wort ist nicht irgendein Wort, es ist nicht Menschenwort, sondern Gottes Wort; es ist nicht nur informativ, sondern performativ; d. h. es ist gefüllt mit Gottes Heiligem Geist und bewirkt, was es sagt.

Es hat die Macht, die Herzen der Menschen in der Tiefe anzusprechen. Da müssen selbst Dämonen gehorchen. Wo der Herr und sein vom Heiligen Geist erfülltes, vollmächtiges Wort hinkommen, halten sie es nicht mehr aus, sie müssen aus der Deckung hervortreten und gehorchen. Wobei dies kein Gehorsam aus Glauben ist, sondern Flucht, Flucht in die Finsternis. Der Gehorsam des Glaubens dagegen bewegt zur Umkehr, er führt zurück ins Licht, in die Nachfolge Jesu und ermöglicht, am Licht und an der Heiligkeit Gottes teilzuhaben.

Gänsehaut ist angesagt; die Menschen reagieren mit Betroffenheit und Sensationsgier.

Was das anbelangt, ist allerdings nicht viel los. Der Mann ist ihn jetzt zwar los, den Dämon; er ist frei. Das ist für ihn und die Sensationshungrigen vermutlich zunächst einmal etwas Großartiges. Was jedoch sonst mit ihm los ist, wie es weiter geht mit ihm, ob er etwa in Jesu Fußstapfen tritt, wird nicht erzählt. Einerseits setzt die Kraft und Autorität der Predigt Jesu die Leute in Staunen; sie sind außer sich angesichts dessen, was mit dem Besessenen geschieht; Gänsehaut ist angesagt; die Menschen reagieren mit Betroffenheit und Sensationsgier. Andererseits ist leider nicht davon die Rede, dass jemand von ihnen zum Glauben gekommen sei.

Es wird gemauschelt, diskutiert und weitererzählt

Es wird gemauschelt, diskutiert und weitererzählt, so dass Jesus bald in aller Munde ist, aber von Umkehr keine Spur. Genau darauf will Jesus allerdings hinaus, wenn er am Beginn seines öffentlichen Auftretens sagt: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium.“ (Mk 1,15) Umkehren und Glauben, das ist es, was die Menschen wirklich weiterbringt und was Jesus erreichen will mit seiner vollmächtigen Predigt und seinen – im wahrsten Sinn des Wortes – wunderbaren Taten.

Der Mensch hat die Freiheit, zu entscheiden, ob er Gottes Wort annimmt, ihm Glauben schenkt und folgt oder nicht, ob die Kraft des Heiligen Geistes in ihm wirken und zur Umkehr bewegen darf oder nicht. Wir sind keine Marionetten. Ich denke hier an das Gleichnis vom Sämann und den unterschiedlichen Ackerböden. „Auf gutem Boden ist das Wort bei denen gesät, die es hören und aufnehmen und Frucht bringen, dreißigfach, sechzigfach und hundertfach“, sagt Jesus (Mk 4,20).

Jesus will keine bloßen Fans

Er will keine bloßen Bewunderer oder Fans um sich scharen, die letztlich doch nur auf der Zuschauer- bzw. Beobachterseite bleiben, heute zujubeln und sich morgen schon wieder uninteressiert abwenden. Nein, er sucht solche, die sich auf ihn und sein Wort einlassen, es beherzigen. Es geht nicht nur darum, über ihn und sein Wort Bescheid zu wissen – das tun übrigens die Dämonen auch. Nein, es kommt darauf an, sich zu ihm zu bekennen und ihn zu lieben. Und von daher muss man als Resümee dieser aufsehenerregenden Begebenheit in der Synagoge zu Kafarnaum zunächst einmal nüchtern festhalten: Nichts ist los!

Die Frage drängt sich auf: Was ist mit uns los? Und was ist los mit unserem Verhältnis zur Kirche? Ist bei uns und in der Kirche Gott „los“? Spielt Christus eine Rolle in unserem Leben, auch außerhalb der Sonntagsmesse? Rechnen wir mit ihm? Prägt er unser Denken, unser Reden, unser Handeln und unsere Entscheidungen? Gehen die Wege, die wir einschlagen, in seine Richtung oder ertappen wir uns dabei, dass unser Alltag manchmal recht gottlos dahinplätschert, so als ob es ihn und sein Reich nicht gäbe? Glauben wir daran, dass er erlöst, dass er los löst von allem, was uns lähmt und aufhält, den Weg der Nachfolge Jesu zu gehen?

Zählen wir auf die Kirche? Die Vollmacht Gottes?

Zählen wir auf seine Vollmacht und auf die Kraft seines Wortes? Zählen wir auf die Kirche, in der Christus lebt, in der sein Wort verkündigt und seine Vollmacht in den Sakramenten für die Menschen wirksam und erfahrbar wird? Oder setzten wir auf andere „Erlöser“? Zweifelhafte Angebote gibt es ja genug auf dem „religiösen Supermarkt“ unserer Zeit. Die Frage ist, ob dadurch wirklich etwas gelöst bzw. geheilt wird, oder ob nicht neue Probleme, Lebensängste und Abhängigkeiten entstehen. „Die ich rief, die Geister, werd‘ ich nun nicht los“, sagt der Zauberlehrling in Goethes Faust.

Auch wenn in der Synagoge von Kafarnaum nicht von Bekehrungen berichtet wird, so spüren die Leute doch, dass Jesus anders als die Schriftgelehrten mit göttlicher Autorität spricht, mit der Autorität des Heiligen Geistes. Diese Vollmacht hat er seiner Kirche hinterlassen. Über die Apostel wurde und wird sie weitergegeben durch Handauflegung und Gebet an die Bischöfe, Priester und Diakone. Und darum ist die Auslegung des Wortes Gottes, also die Homilie, innerhalb der hl. Messe ausschließlich ihnen vorbehalten (Instruktion „Redemptionis Sacramentum“ Nr. 161, aus dem Jahr 2004).

Die Frage ist, ob wir gläubig davon ausgehen, dass durch das Sakrament der Weihe die Kraft des Heiligen Geistes vermittelt wird

Natürlich könnte man einwenden, dass es doch unter allen Getauften – und nicht nur unter den sakramental Geweihten – fähige Leute gibt, die aufgrund ihrer theologischen Bildung, ihrer Sprachfähigkeit, ihres angenehmen Auftretens und ihrer reichen Erfahrung usw. bestens geeignet wären, diesen Dienst mindestens genauso gut auszuüben. Die Frage ist, ob wir gläubig davon ausgehen, dass durch das Sakrament der Weihe die Kraft des Heiligen Geistes vermittelt wird, die in besonderer Weise dazu befähigt, Gottes Wort mit einer anderen Vollmacht und Autorität zu verkünden, nämlich mit der Vollmacht und Autorität des Herrn. Ob eine Predigt etwas auslöst und die Herzen berührt, hängt nicht nur von der Brillanz und der Frische der Rede ab, so nützlich das sein mag. „Meine Botschaft und Verkündigung war nicht Überredung durch gewandte und kluge Worte“, schreibt der hl. Apostel Paulus den Korinthern, „sondern war mit dem Erweis von Geist und Kraft verbunden, damit sich euer Glaube nicht auf Menschenweisheit stützte, sondern auf die Kraft Gottes.“ (1 Kor 2,4)

Freilich liegt es auch an den Geweihten, ob sie Gottes Heiligen Geist im Gebet soz. beständig hereinholen, damit dieser ihr Wort der Predigt füllt. Nicht die noch so gewählten Worte sind es, die die Menschen in der Tiefe des Herzens ansprechen und etwas auslösen, was sie Gott näherbringt, sondern Gottes Geist im Wort. Das ist gemeint, wenn es heißt, dass Jesus lehrte, „wie einer, der Vollmacht hat“ (Mk 1,22).

Papst Franziskus hat im Herbst 2019 festgelegt, „dass der dritte Sonntag im Jahreskreis der Feier, der Betrachtung und der Verehrung des Wortes Gottes gewidmet sein soll … An diesem Sonntag“, so der Heilige Vater, „ist es besonders nützlich, die Verkündigung des Wortes Gottes hervorzuheben und die Homilie so zu gestalten, dass der Dienst am Wort des Herrn herausgestellt wird“ (Papst Franziskus, Aperuit illis vom 30.09.2019). Die Deutsche Bischofskonferenz hat die Feier des Sonntags des Wortes Gottes für Deutschland auf den letzten Sonntag im Januar gelegt und mit dem seit 40 Jahren an diesem Tag ökumenisch begangenen Bibelsonntag verbunden. Es geht darum, dass dieser heute begangene Sonntag des Wortes Gottes dazu beiträgt, dass das Wort bei uns auf fruchtbaren Boden fällt. Unseren Hunger nach Freiheit und Erfüllung kann letztlich nur der „Heilige Gottes“ stillen. Jesus Christus hat göttliche Vollmacht, zu lehren und zu heilen, was verwundet ist. Und er hat diese Vollmacht der Kirche weitergegeben. Da, wo er „los“ ist, da ist wirklich was los, nämlich die Erfahrung der Freiheit der Kinder Gottes, die Erfahrung, aufatmen zu können, getragen zu sein und Orientierung zu bekommen. Erlösung kann ich mir nicht selber besorgen, sie ist ein Geschenk. Um es annehmen zu können, sind Glaube und Umkehr erforderlich.

(radio vatikan – claudia kaminski)