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Unser Sonntag: Die Erwartungen des Volkes richten sich auf Jesus, den Rabbi aus Galiläa, den Wundertäter und Befreier von bösen Geistern, so Dr. Michael Max. Jesu Einzug nach Jerusalem wird in der Erzählung des Markus zum Triumphzug der politischen Erwartungen.

Wir veröffentlichen hier die Sendung „Unser Sonntag“, die unsere Direktorin für Kommunikation, Dr. Claudia Kaminski, im März mit Dr. Michael Max, dem neuen Rektor der Anima in Rom, für unseren Partnersender Radio Vatikan produziert.

 

Dr. Michael Max, Rektor der Anima, Rom

 Palmsonntag 2021

Es gibt wenige Sonntage, die so populär sind, wie der Palmsonntag: Vom Palmesel, der an diesem Tag als letzter aus dem Bett aufsteht, über die aus genau festgelegten Gewächsen gebundenen Palmbuschen, bis zum Brauch, mit ihnen auch den Segen dieses Tages mit nach Hause zu nehmen und dann in Stuben, Gärten oder auf Feldern sichtbar auszustecken. Bunt ist das Brauchtum rund um diesen letzten Sonntag in der Fastenzeit, und wenn uns nicht gerade eine Pandemie daran hindert, dann ist er auch ein Feiertag, der noch immer von vielen Menschen in allen Generationen mitgetragen wird.

Er ist das erste große Frühlingsfest. Uns berühren Themen, wie das neue Leben, das aus der Erde wächst, Schönheit und Verheißung, die im Blühen liegen, Aufbrechen und neuer Schwung nach der lähmenden Starre und Enge des Winters. Alles Erfahrungen, die existenziell zu unserem Menschsein dazugehören, die jeden und jede von uns in unterschiedlicher Intensität dann und wann, aber doch ohne Ausnahme betreffen. Die uns so auch miteinander verbinden und aufeinander verweisen. Und so ist die Feier von Gottes Segen in dem er uns nahe ist, immer ein Ereignis der Gemeinschaft. Wie lebendig, bunt und freudig zeigt wohl mit am besten der Palmsonntag.

„Gesegnet sei das Reich unseres Vaters David, das nun kommt!“

In dieser frühlingshaften Stimmung, in dieser lebendigen Bereitschaft zum Aufbruch, in diesem kollektiven Wahrnehmen vom Neuen, das in der Luft liegt, sind wir dann auch dem Volk auf den Straßen nach Jerusalem ähnlich, von dem das Evangelium der Palmsegnung berichtet. „Hosanna“, rufen sie, „Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn!“, und: „Gesegnet sei das Reich unseres Vaters David, das nun kommt!“. Diese Menschen sind auf dem Weg nach Jerusalem, um dort Pascha zu feiern, das große Frühlingsfest, Fest des Aufbruches und der Freiheit, Fest des neuen Lebens und der Gemeinschaft als Volk, das Gott gehört und mit dem er zieht auf den Wegen seiner Verheißung. Aber die Herrschaft der Römer steht dazu in Widerspruch. Muss also nicht zuerst dieses Joch der fremden Unterdrückung, der Einschränkung der Rechte und der Ausbeutung abgeschüttelt werden, damit es wieder wirklich „Pascha“ werden kann?

Hoffnung auf Größe und Stärke

Der Kaiser in Rom ist wohl nicht viel anders als damals der Pharao in Ägypten! Aber auch die Sorge Gottes um sein Volk, die in Mose einen Befreier schickt, ist doch noch immer die gleiche. Er wird auch uns einen Retter schicken. All diese Erwartungen werden nun auf Jesus, den Rabbi aus Galiläa, den Wundertäter und Befreier von bösen Geistern ausgerichtet. Sein Einzug nach Jerusalem wird in der Erzählung des Markus zum Triumphzug der politischen Erwartungen. Das „Reich unseres Vaters David, das nun kommt“ ist nichts anderes als die Hoffnung auf einstige Größe und Stärke, die Jesus nun wieder erringen soll, indem er die bösen Geister der fremden Herrschaft vertreibt. Aber: Geht das so einfach? Kann der politische Aufstand, der gewaltsame Widerstand, der Griff zu den Waffen, tatsächlich einen neuen Frühling bringen? War das begeistert beschworene „Reich unseres Vaters David“ tatsächlich eine heile Welt, wie Gott sie gerne mit seinem Volk gestaltet hätte? Wenn es so gewesen wäre, warum sandte er dann unaufhörlich seine Propheten, die mit harschen Worten Kritik übten am Zustand der Gesellschaft und zur Umkehr aufriefen?

Der Friedensbote auf dem Esel

Jesus weiß wohl, dass politische Frühlinge, meist nur an der Oberfläche die Dinge verändern. Das, was tatsächlich frei macht, das, worin tatsächlich neues Leben zu finden sein wird, wird auf einem anderen Blatt, und mit einer anderen Tinte geschrieben. So wählt er bewusst das Bild des Friedensboten, der auf einem Esel reitet, der nicht einmal ihm gehört, und den er dann auch wieder zurück bringen lässt. Schlicht und einfach, wenn man es sehen möchte. Mit einer anderen Botschaft im Herzen, wenn man sie denn verstehen möchte. Aber, dass das im lauten „Hosianna“ des Palmsonntags möglich ist, ist fraglich.
Wie geht es uns heute damit, wenn wir Palmsonntag feiern. An manchen Orten begnügt man sich, die Palmweihemit dem Evangelium vom Einzug in Jerusalem groß zu feiern. Da sind ja, unter normalen Umständen, die vielen Leute da. Den Segen für die Palmbuschen will ja fast jeder haben. Vor allem für viele Kinder ein großartiges Ereignis. Die darauf folgende Feier in der Kirche soll das Ganze nicht unnötig verlängern.

„Verzicht auf das Evangelium der Leidensgeschichte? Schade!“

Und so wird dort und da, auf das zweite Evangelium des Palmsonntags, die Verkündigung der Leidensgeschichte verzichtet. Schade! Denn, wie man das Evangelienbuch vor der Palmprozession nicht einfach schließt, sondern umblättert, um dann in der Kirche weiterzulesen, so ist die Leidensgeschichte unseres Herrn Jesus Christus jenes andere Blatt, auf dem er auf seine Weise die Geschichte vom Aufbruch in das neue Leben mit uns schreibt. So ist sein Blut, das er für die Vielen hingibt, jene Tinte mit der Gott den neuen Bund aufsetzt, jenseits aller politischen Bündnisse und Kalküle dem Menschen Segen zu schenken und Leben in Fülle.

Sieg über die Sackgassen des Lebens

Die Leidensgeschichte, im Lesejahr heuer nach Markus, ist die frohe Botschaft des Sonntags, mit dem die Kirche in die heilige Woche geht. Auf sie zielt der Einzug in Jerusalem ab, und in ihr ereignet sich das Werk der Erlösung durch den Friedensboten Jesus aus Nazareth. In ihr wird auch entlarvt, was rein menschlich nicht hinreicht, um nachhaltig Leben und Freiheit miteinander zu versöhnen: Aus der Freundschaft der Jünger wird Feigheit und Verrat, aus dem „Hosianna“ der Vielen wird das „Kreuzige ihn“, wohl von ein und denselben geschrien, aus dem Königstitel der politischen Befreiung wird die falsche Anklage gedeichselt und das tödliche Urteil gefällt. Vieles ändert sich im einfachen Umblättern des Evangelienbuches am Palmsonntag. Jesus bleibt sich treu, er geht seinen Weg. Den Weg des Triumphes, der zum Kreuzweg wird. Und den Weg des Leidens, der zum eigentlichen Sieg über die Sackgassen des Lebens, zum eigentlichen Ausweg des Heiles wird.

Unter den Jubel mischen sich Molltöne…

Ende der Sechziger Jahre geschrieben und in jener Zeit revolutionär und provokant wahr genommen, gehört Andrew Lloyd Webbers Musical „Jesus Christ Superstar“ heute schon zum Kanon der jüngeren musikalischen Geschichte. Dort setzt die Erzählung von Jesu letzten Tagen auch mit der Schilderung des Einzugs in Jerusalem ein. In vollen Akkorden jubelt das Volk seinem Messias zu, doch mischen sich gleich schon am Anfang auch merkwürdige Molltöne in die sonst strahlende Helle ein: Hey J.C., J.C. would you die for me? – Würdest du auch sterben für mich, Jesus Christus?“
Abseits der Szenerie stehen die Priester und beäugen misstrauisch das Geschehen. Sie sind neben Jesus wahrscheinlich die einzigen, die die Tragweite dieses Geschehens vor den Toren Jerusalems einschätzen können. Rom wird diese Provokation nicht einfach hinnehmen. Das Imperium wird zurück schlagen.

Man arrangiert sich mit den Machthabern

Ein sich arrangieren mit den Machthabern ist allemal besser, als ein Aufstand, in dem alles zugrunde geht. Vor allem ihre eigene einflussreiche Stellung und Position der Macht. Lloyd Webber komponiert die Diskussion der Priester über die Gefährlichkeit der Lage parallel zu den Hosiannarufen der jubelnden Menge. „Was sollen wir tun mit Jesus aus Nazareth, der da kommt, und alles in Frage stellt, was wir so mühsam an Gebäuden der Macht und der Vorrechte gezimmert haben. Verschiedene Lösungen werden angedacht, aber als nicht zielführend gleich wieder verworfen. Bis Kajaphas den entscheidenden Satz spricht: We need a more permanent solution to our problem! – Wie brauchen eine dauerhafte Lösung für unser Problem!“

Das Verlassen alter Denkweisen

Damit ist das Todesurteil, das Pilatus am Morgen des Karfreitags fällen wird, schon vorweggenommen, damit fängt der Triumphzug des Palmsonntags schon an, zum Kreuzweg zu werden. Damit ist, wenn auch ungewollt, prophetisch schon ausgesprochen, was dieser Jesus aus Nazareth auf dem Esel, der ihm nicht gehört, und unter dem Kreuz, das ihm auch noch weggenommen und dem Simon von Zyrene aufgezwungen wird, tatsächlich bringt: Die dauerhafte Lösung! Die nun ewig andauernde Erlösung, der Sieg über den, der alles zugrunde richtet, den Tod. Das ist der Segen, den wir schon am Palmsonntag österlich nach Hause tragen können. Das ist der Segen, der die heilige Woche fort dauern lässt in unseren Wohnungen, in den Gärten und auf den Feldern. Der Segen, der davon erzählt, dass überall, wo Leben wächst, es aus der Hingabe wächst, aus dem Dasein für einander, aus dem Hinausgehen aus alten Mustern die Einschränken, weil sie nur Leben auf Kosten anderer ermöglichen, aus dem Verlassen alter Denkweisen, die Gott nur zutrauen auf den von uns geplanten und gekannten Wegen sein Heil zu wirken. Der Palmsonntag ist der Sonntag, an dem das Blatt sich wendet. Im Evangelienbuch mit den beiden Erzählungen, die uns heute verkündet werden, von einem Gott, der in Jesus dem Christus dauerhaft Erlösung und Leben in Fülle schenken möchte.

(radio vatikan – claudia kaminski)