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Über Gott und die Welt: Gott verstehen – Was ist Theologie?; Dir. Pfr. Martin Leitner           Im Anschluss um 18:30 Uhr: Live – Heilige Messe aus der Marienkirche Davos (Schweiz)
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In der Betrachtung von Prof. Gerl-Falkovitz zur Taufe Jesu geht es um das Umkehren, Anderswerden, Neuanfangen. Hinter Johannes dem Täufer taucht schon der Größere auf. Was aber kann Jesus, so fragt sie, was der Täufer nicht konnte?

Lk 3, 15-16.21-22

Taufe Jesu 

In Jesu Leben gab es zwei Männer mit Namen Johannes. Der eine war mit ihm verwandt, ein halbes Jahr älter als er, Johannes der Täufer; der andere stieß erst in den letzten drei Lebensjahren Jesu zu ihm. Dieser Jüngere wurde Jesu Freund, wie er sonst keinen hatte.

Die „gemeinsame Sache“

Der Apostel Johannes scheint die innige, subjektive Beziehung darzustellen; der Cousin Johannes der Täufer aber die Beziehung in der gemeinsamen Aufgabe, objektiv. Ohne tieferes Nachdenken würden wir wohl der gefühlsmäßigen Beziehung den Vorrang einräumen. Darüber vergessen wir aber eine Grundstruktur von Freundschaft. Sie enthält über die Zuneigung hinaus ein Drittes: die gemeinsame Sache. Von dieser Art war die Beziehung Jesu zum Täufer, und die gemeinsame Sache zwischen ihnen hieß Gerechtigkeit.

Johannes der Täufer steht für den bedingungslosen Neuanfang

Johannes der Täufer hatte eine Facette, die Jesus selber zu eigen war: das Unbestechliche, den Biß des Zupackenden. Er steht für das Abwaschen des Schmutzes, nicht nur für gelegentliches Ausbessern, nein: für den bedingungslosen Neuanfang. All das verdichtet sich in der Taufe: das Ablegen widerwärtiger alter Schuld, das Anlegen von Unschuld.

 

Umkehren, Anderswerden, Neuanfangen – ein lockender Gedanke. Bei dem Mann in der Wüste, arm und karg, tut sich dorthin ein Tor auf. Alles Strenge, Reine ist anziehend. Was an ihm reizt so sehr, dass man vor ihm (wider Willen?) die Sünden – ach nein, die von der Sünde geschlagenen Wunden aufdeckt, die gut verklebten? Wenn er tauft, wirft er offenbar ganze Lebensläufe um. Andere demaskiert er aufs gröbste, die das Bad im Jordan modisch, so nebenbei nehmen wollen. Heute ist die große Lösungskraft der Kirche, das Abwaschen von Schuld, fast verstummt; so wird nur schwer begreiflich, wie sich vor Johannes der verschlossene Mund auftut. Ist es die Aura kühner, zwingender Wahrheit, die den Mann umgibt? Vor ihm streckt sich das Krumme von selbst ins Gerade.

Hinter Johannes taucht schon der Größere auf

Bevor das große Geheimnis kommt, das noch keinen Namen hat, bringt er Härte – wehtuende, wohltuende Bitterkräuter zum Reinigen. Schluss mit dem Verplempern der eigenen Kraft, Schluss mit allem Getue, das nur Depression verdeckt; stattdessen schreien, aus Brunnentiefe nach Hilfe schreien. Hinter Johannes taucht schon der Größere auf. Nur wo geschrien wird, kann Er helfen. Johannes löst diesen Schrei aus den verstockten Mündern, den Herzen.

„Wie heißt das Ziel? Heil“

Es liegt etwas in der Ausstrahlung des Predigers, das die Menge aus der Stadt in die Macchia lockt. Wie schafft er es, daß viele in ein kleines Rinnsal namens Jordan steigen, um sich zu „reinigen“? Später wird er wegen dieser Macht geköpft, sein Vetter gekreuzigt. Mit diesem Sohn der Gnade = hanna, die Johannes im Namen trägt, beginnt jener Anfang, der bis heute kein Ende hat. Genauer: Beginnt der Anfang, der auf ein Ziel zuläuft. Vorher gab es Geschichte, die kreiselte: zwischen Frieden und Krieg, Leben und Tod, auf und ab. Ziellos, ohne Finale, ohne Gerechtigkeit. Seit dieser Stimme aber gibt es Ziel, Bewußtsein, Klarheit. Wie schön, sich aus der Krümmung aufzurichten und zu laufen, der Stimme nach, die lockt. Wie heißt das Ziel? Heil. Und der es bringt? Gott; genauer: das Lamm Gottes. So einfach ist das, so leicht.

„Es bedurfte der Unschuld, um sich gänzlich mit der Schuld einzulassen.“

Was aber kann Jesus, was der Täufer nicht konnte? Es ist merkwürdigerweise nur der vollständig Sündelose, der sich mit der Sünde aller bepackt. Johannes fand dafür das Wort vom Lamm, das die Sünde wegschleppt. Das äußere Zeichen dafür war die Reinigung, und der Sündelose unterwarf sich ihr. Der Täufer stand ja nicht außerhalb der Schuld, als Mensch, der er war. Es bedurfte der Unschuld, um sich gänzlich mit der Schuld einzulassen.
Denn mit schmutzigem Wasser läßt sich Schmutz nicht abwaschen. Um einen Preis, der furchtbar ist: Das Wasser, das andere wäscht, wird selber trüb. Die Taufe Jesu ist der Eintritt in unsere Welt der gemeinen Laster. Sie ist kein oberflächliches Ritual, sie ist die Übernahme unseres stinkenden Elends. Sie ist die noch symbolische Reinigung; die zweite, ernsthafte, wird später mit Blut vollzogen und mit dem Tod enden.

Die alte Liturgie hat den Täufling „ertränkt“

Die alte Liturgie hatte den Täufling im geweihten Wasser „ertränkt“ und dann zu neuem Leben herausgezogen. Eigentlich ist die Taufe ein gefährliches Wahrzeichen: erst untertauchen, dann halbtot hochkommen. Die drei Tröpfchen Wasser, die heute sparsam auf den Kopf des Täuflings tröpfeln, lassen das nicht mehr erkennen. Aber die frühe Kirche und immer noch die Ostkirche schicken den Täufling ganz unter Wasser, bis er um Atem ringt – nur atemlos geht es ins Freie, Neue, Große.
Auch hier geschieht Ungeheures: Beim Auftauchen Jesu aus dem Jordan reißt unmittelbar das ganz Verborgene auf – Geist und Vater, erstmals, lassen sich sehen und hören. Aus der Taufe blitzt ein Vorlauf auf den Ostermorgen: Anfang des Nie-Dagewesenen – Tod dreht sich in Leben, Sünde in Unschuld.

Johannes begreift das Drama

Jesus „ertrinkt“ zu erstmal in der Ungerechtigkeit der Welt, und Johannes begreift das Drama und stimmt ihm, scharfblickend, zu. Petrus wird später, weniger scharfblickend, den Herrn hindern wollen zu sterben. Johannes nicht: Er läßt ihn in das Taufwasser untertauchen, also unter das Gesetz der Reinigung treten, weil sonst die Unreinheit auf keine Weise zu bezwingen ist. „Und siehe, die Himmel taten sich auf.“ Der Geist und die Stimme bezeugen das beispiellos Neue, das nun beginnt.

(radio vatikan – redaktion claudia kaminski)

Im Januar 2022 begleitet uns bei „Unser Sonntag” wieder die Ratzingerpreisträgerin Prof. Dr. Dr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz.

Sie war unter anderem mit Lehraufträgen und Lehrstuhlvertretungen in Bayreuth, Tübingen, Eichstätt und München sowie als Professorin in Dresden tätig. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Religionsphilosophie der Moderne, Phänomenologie und die Anthropologie der Geschlechter.

Hier der Link zu Radio Vatikan – Betrachtung vom 2. Januar 2022

https://www.vaticannews.va/de/kirche/news/2022-01/unser-sonntag-januar-2022-gerl-falkovitz-betrachtung-1-1-2022.html