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Wir veröffentlichen hier die Sendung „Unser Sonntag“, die unsere Direktorin für Kommunikation, Dr. Claudia Kaminski, im Februar mit Pfarrer Jan Lehmann, Spiritual und Jugendpfarrer im Bistum Trier, für unseren Partnersender Radio Vatikan produziert.

Pfarrer Jan Lehmann, Trier

Jugendpfarrer und Spiritual

In Jesus Christus bringt Gott seine ganzen Gefühle, Träume, Pläne und seine ganze Liebe zusammen, die er für uns hat, so Pfarrer Jan Lehmann. Jesus Christus ist das „Lebens-Wort“ Gottes. Zusammengefasst wird Gottes Botschaft mit den Worten, die Jesus zu Beginn dieser Fastenzeit spricht „Kehrt um, und glaubt an das Evangeli-um!“ Pfarrer Lehmann fordert uns auf, gerade in der Fastenzeit Gott zu begegnen.

1. Fastensonntag – Mk 1,12-15

„Wir haben kein Wort für die Liebe“ So lautet die Überschrift eines Zeitungsartikels, den ich vor einigen Jahren gelesen habe. Der Satz stammt von einer jungen Frau aus Nordkorea, die über ihre Kindheit berichtete. Sie erzählt, dass sie in einem Land aufgewachsen ist, indem bestimmte Worte verboten wurden.

Dazu gehört auch das Wort „Liebe“ – also die Liebe, die zwischen Menschen entsteht. Systematisch wurde dieses Wort aus ihrer Alltagssprache verbannt. Das ist für mich immer noch eine merkwürdige Vorstellung, dass es Worte gibt, die verboten werden. Denn Worte bezeichnen ja nicht nur eine bestimmte Situation oder ein Gefühl, sondern sie machen das Bezeichnete sichtbar und erfahrbar.

Wer von jemanden hört „Ich liebe dich!“, kommt mit Gefühlen und Situationen in Berührung, die von Vertrauen, Annehmen, Freude oder Spaß sprechen. Wer daher Worte verbietet, will auch das Verbieten, was sie bezeichnen.

German-Lüften

Ich mache selbst die Erfahrung, dass bestimmte Worte in meinem Alltag nicht mehr so häufig vorkommen. Damit verschwindet aber auch das, was sie bezeichnen. Vor elf Monaten hörte sich etwa das Wort besuchen für mich leicht und unbeschwert an. Wenn ich heute jemanden besuchen will, mache ich mir Gedanken darüber, ob regelmäßig gelüftet wird oder wie viele Personen aus wie vielen Haushalten zusammenkommen.
Andere Worte nehmen hingegen viel Platz in meiner Sprache und in meinem Denken ein: Virologen zum Beispiel. Bis vor einem Jahr kannte ich keine einzige, heute kann ich auf die Schnelle fünf verschiedene Vi-rologinnen mit Titel aufsagen. Mund-Nasen-Schutz ist auch so ein neues Wort, dass in meinem Alltag Platz genommen hat. Ein interessantes Wort ist für mich lüften. Ich wusste bis vor einigen Monaten gar nicht, dass das Lüften in englischsprachigen Ländern große Begeisterung auslöst. Sie haben dort sogar einen eigenen Begriff dafür: German-Lüften. Dies hat damit zu tun, dass unsere Fensterkonstruktionen mit kippen und ganz Öffnen, in anderen Ländern der Welt unbekannt sind.

„Leider sind die wichtigeren Worte nicht automatisch die mächtigeren Worte.“

Bei all dem was wir zurzeit erleben, habe ich den Eindruck, dass es Wörter gibt, die wichtiger sind als andere. Wichtiger, weil sie uns Menschen gut tun, unseren Lebenswillen fördern und Perspektiven eröffnen. Der Satz „Schön von dir zu hören“ ist mir wichtiger als „Ich habe jetzt gar keine Zeit, weil die nächste Videokonferenz wartet“. Oder die Worte „Versuch es noch mal, du schaffst das“ sind mir wichtiger als zu hören „Du hast deine Chance vertan“. Leider sind die wichtigeren Worte nicht automatisch die mächtigeren Worte.

Wenn ich mir die letzten Monate so anschaue, dann gab es viele Worte, die mächtig daherkamen und mich gleichzeitig ratlos zurückzuließen. Die Botschaften und Aktionen von Corona-Leugnern etwa, die Verwirrung stiften wollen und versuchen unsere Wirklichkeit umzuschreiben. Oder manche prominenten Persönlichkeiten, die mit Absicht bestimmte Worte und Inhalte ständig wiederholten, und so versuchten in die Irre zu frühen. Doch statt Ordnung und Ruhe zu fördern, entstanden Chaos und Unruhen.

„Gerade die unangenehmen Worte, die Worte, die wehtun sind mächtige Worte und können lange wirken.“

Doch das gilt nicht nur für die große Politik und Wirtschaft, auch unsere eigene Sprache kann Menschen verletzen.
Ein junger Mensch, der z.B. zu hören bekommt, dass er seine Chance vertan hat, wird an diesen Wörtern lange zu knabbern haben. Oder das unüberlegte Urteil über eine Familie aus der eigenen Nachbarschaft, die Homeoffice und Homeschooling unter einen Hut bringen muss, und dabei gestresst wirkt, kann die Nachbarschaft auf Dauer vergiften. Gerade die unangenehmen Worte, die Worte, die wehtun sind mächtige Worte und können lange wirken.

Es gibt sie die wichtigeren und die mächtigeren Worte. Und wir Menschen müssen schlau genug sein, um das eine vom anderen zu unterscheiden. Denn mit unserer Sprache und dem was das Gesprochene auslöst nehmen wir Einfluss auf das Leben unserer Mitmenschen und unserer Umgebung.

Lebensworte machen das Leben weit und schön

Gerade als Christen sollten wir auf unsere Wortwahl achten. Wir könnten etwa unseren Sprachschatz mit „Lebens-Worte“ trainieren. „Lebens-Worte“ sind für mich alles Worte, die das Leben weit und schön machen. Worte, die die Schönheit und die Chancen unserer Welt in den Mittelpunkt stellen.
„Lebens-Worte“ sind für mich aber auch ehrliche Worte. Es geht nicht um Schönfärberei, sondern darum die Wirklichkeit ehrlich zu benennen – ohne jedoch dabei in eine Dramatisierung zu verfallen. „Lebens-Worte“ erzählen für mich den großen Traum Gottes weiter. Gott träumt von einer Welt, in der es gerecht, liebenswürdig und uneingeschränkt lebendig zugeht. Mit unserer Sprache hängen wir uns diesem Traum an und helfen mit, dass er Wirklichkeit werden kann.

Und wie kommen wir zu solchen Lebens-Worten? Die Antwort liefert uns das heutige Evangelium. Jesus legt uns die Worte sprichwörtlich in den Mund, wenn wir hören: „Er verkündete das Evangelium Gottes!“ (Mk 1,14). Wir finden die Lebens-Worte, wenn wir auf Gott hören und uns an ihm orientieren. Gott selbst spricht uns an und mit seinen Worten setzt er Themen und Inhalte, die unsere Welt verändern.

Gott setzt einen Anfang, der bis heute wirkt

Das erste Wort Gottes in der Bibel lautet „Es werde Licht“ (Genesis 1,3). Gott erschafft damit einen Lebensraum, der hell, wärmend und lebendig ist. Gott spricht dieses Wort der ganzen Schöpfung zu, nichts und nie-mand sind davon ausgenommen. Damit setzt er einen Anfang, der bis heute wirkt!

Und das letzte und schönste Wort, das Gott spricht lautet Jesus Christus. Im Johannesevangelium heißt es „Das Wort ist Fleisch geworden“ (Joh 1,14). In Jesus Christus bringt Gott seine ganzen Gefühle, Träume, Pläne und seine ganze Liebe zusammen, die er für uns hat. Jesus Christus ist das „Lebens-Wort“ Gottes. Und mit seinem Sohn spricht Gott Worte, die ins Gedächtnis der Menschheitsfamilie eingegangen sind: wie „Vater unser im Himmel“ (Mt 6,9-13); „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Mt 22,39), „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ (Lk 22,19), „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe“ (Joh 15,12) oder „Er ist auferstanden“ (Mk 16,6).

„Auf die Worte, die eine Frohe Botschaft in unsere Welt tragen und die Macht haben, unser Leben zum Besseren zu verändern.“

Zusammengefasst wird Gottes Botschaft mit den Worten, die Jesus zu Beginn dieser Fastenzeit spricht „Kehrt um, und glaubt an das Evangeli-um!“ (Mk 1,15). Er ruft uns eindrücklich zu, sich auf die Worte des Evangeliums zu besinnen. Auf die Worte, die eine Frohe Botschaft in unsere Welt tragen und die Macht haben, unser Leben zum Besseren zu verändern.

Die Worte, die unser Leben klein machen werden schnell ausgesprochen und schnell gehört werden. Daher müssen wir unsere ganze Auf-merksamkeit und unser Mitgefühl zusammenbringen, damit wir Lebens-Worte in den Mund nehmen und aussprechen. Dabei wird es wichtig sein, welche der Lebens-Worte Jesu bei uns selbst angekommen sind. Wir sollten nur die Worte Gottes weitergeben, denen wir selbst vertrauen. Es geht nicht darum Gottes Worte bloß zu wiederholen, nur weil sie irgendwie zu unserem Glauben dazu gehören. Unsere Mitmenschen werden schnell merken, welche Worte auswendiggelernt wurden und welche von uns selbst angenommen sind.

Lebe das Evangelium

Von Frère Roger stammt die Ermutigung „Lebe das vom Evangelium, was du verstanden hast. Wenn es noch so wenig ist. Aber lebe es.“ Gottes Worte werden dann groß und mächtig, wenn wir sie mit unseren Er-fahrungen, unseren Erfolgen und Rückschlagen durchlebt haben. So geben wir das weiter, was mit uns selbst zu tun hat und was wir selbst mit Gott erlebt haben. So werden Gottes Worte in unserer Zeit neu lebendig und erhalten dabei vielleicht andere Formulierungen. Wie etwa: „Neuanfang ist möglich“, „Schön, dass es dich gibt“, „Wir schaffen das gemeinsam“, „Du bist geliebt und gewollt.“
Diese Worte, die wir dann sprechen, werden nicht ohne Wirkung bleiben und Menschen helfen das eigene Leben zu leben.

Trainingszeit für Christen

Mit der Fastenzeit beginnt eine Trainingszeit für uns Christen. Insgesamt sieben Wochen liegen vor uns, in denen wir den Ruf Jesu beherzigen können, uns auf seine Worte hin auszurichten und daraus zu leben. Es macht Sinn, sich für die kommende Zeit Trainingsziele zu setzen und die Fastenzeit so zu gestalten, dass sie uns hilft noch besser Gottes Worte zu hören.

Ein solches Ziel könnte sein, das Sonntagsevangelium, an den anschließenden Werktagen nochmals zu lesen und sich zu fragen, was will mir Gott für diesen Tag damit sagen.
Ein Ziel könnte sein, sich für Exerzitien im Alltag anzumelden. In vielen deutschen Diözesen gibt es dazu digitale Angebote, die über die Homepages beworben werden.
Ein Ziel könnte sein, den Tag bewusst im Gespräch mit den Herrn zu beginnen oder abzuschließen. Zehn Minuten könnten dabei eine gutes Maß sein, um damit zu starten.

All diese Übungen wollen uns helfen, Gott besser zu verstehen und seine Worte in unsere Welt zu tragen. Als Getaufte wurde uns das Evangelium in die Hände gelegt und Gott rechnet mit unserer Hilfe. Unsere Welt und unseren Alltag brauchen Lebens-Worte, von denen Gott so viele hat. Sprechen wir von ihm und geben seine Botschaft weiter. Amen.

(radio vatikan – claudia kaminski)