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Kurt Kardinal Koch
Palmsonntag 
Der Palmsonntag, so Kurt Kardinal Koch, macht deutlich, dass sich Jesus entschieden hat, dem Erlösungsprogramm Gottes mit all seinen radikalen Konsequenzen treu zu bleiben. Und wir? Wer stimmt nicht gern in das Hosianna des Einzugs in Jerusalem ein, um dann gleich das Halleluja von Ostern zu singen – vor dem „Kreuzige ihn“ des Karfreitags zurückschreckend.

Die Ouvertüre der heiligen Woche

Auf Wanderungen kann es leicht geschehen, dass man plötzlich vor einer Weg-Kreuzung steht, an der man sich entscheiden muss, in welche Richtung man weitergehen will. In einem übertragenen Sinn gibt es auch im menschlichen Leben immer wieder solche Wegkreuzungen, an denen das Leben eine andere Wendung nimmt und wir vor grundsätzliche Entscheidungen gestellt sind. Vor einer solchen Wegkreuzung stehen wir Christen mit dem Palmsonntag. Er bildet die Ouvertüre der Heiligen Woche, in der wir Christen am Drama des Leidens, Sterbens und Auferstehens Jesu Christi gläubig teilnehmen und es nachvollziehen. Damit wir dies in rechter Weise tun können, müssen wir zunächst auf Jesus schauen. Denn der Palmsonntag ist in erster Linie eine elementare Wegkreuzung im Leben Jesu.

Wegkreuzung im irdischen Schicksal Jesu

Am Palmsonntag zieht Jesus in die Stadt Jerusalem zur Tempelreinigung ein, die das Abbrechen des Tempels symbolisch darstellt und die seinen eigenen Tod herbeiführen wird. Jesus steht damit vor der grundlegenden Entscheidung, ob er der ihm von seinem himmlischen Vater gewiesenen Richtung seiner Sendung für die Erlösung der Menschen treu bleiben wird oder ob er seinem Leben eine Wende geben will, an deren Ende nicht mehr die Erlösung der Menschen, sondern seine eigene Grösse stehen würde.

Jesu Weg der bleibenden Treue: Ohnmacht

Der Palmsonntag führt uns vor Augen, dass sich Jesus entschieden hat, nämlich für den Weg der bleibenden Treue zum Erlösungsprogramm Gottes mit allen seinen radikalen Konsequenzen. Dieser Weg der Erniedrigung und der Niedrigkeit kommt am deutlichsten zum Ausdruck im Einzug Jesu in Jerusalem auf einem Esel. Denn der Esel ist das gewöhnliche Reit- und Lasttier der armen Leute. Wenn Jesus nicht auf einem Pferd, das auch für Kampf und Krieg geeignet ist, sondern auf einem Esel und dazu noch auf einem, der ihm selbst nicht einmal gehört, in die Stadt Jerusalem reitet, dann wird unmissverständlich sichtbar, dass sein Lebensprogramm nicht in Macht und Triumph besteht, sondern in Ohnmacht und Erniedrigung. Diesen Weg wählt Jesus dabei deshalb, weil es auch der ewige Weg Gottes mit uns Menschen ist. Denn im Herzen Gottes will sich unsere Erlösung nicht in erdrückender All-Macht, sondern in mitleidender Ohn-Macht ereignen.

„Im Herzen Gottes will sich unsere Erlösung nicht in erdrückender All-Macht, sondern in mitleidender Ohn-Macht ereignen“

Was der Evangelist Lukas mit der Schilderung des Einzugs Jesu in Jerusalem uns nahe bringen will, dies verdichtet Paulus in seinem Brief an die christliche Gemeinde in Philippi zu einer einzigen göttlichen Bewegung: Jesus Christus „war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäusserte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tode am Kreuz“ (Phil 2, 6-8). Wenn wir diese tiefen Worte in unser Herz eindringen lassen, dann werden wir nicht nur im Kopf, sondern auch im Herzen nachvollziehen können, warum die Kirche diesen vorpaulinischen Christushymnus, den Paulus in seinen Brief aufgenommen hat, in den Mittelpunkt der Liturgie der Kartage gestellt hat. Denn in ihm ist das ganze Ostergeheimnis und damit auch das Geheimnis des Erlösungsgeschehens im Kern enthalten.

…sich selbst erniedrigt bis hin zum Kreuz als dem Ort seines radikalen Gehorsams.

In seiner ganzen Tiefe können wir diesen Christushymnus jedoch nur verstehen, wenn wir ihn als neutestamentliche Antwort auf den alttestamentlichen Bericht vom Sündenfall des Menschen wahrnehmen. In diesem wird die Sünde des Menschen, die Sünde Adams darin gesehen, dass er sich selbst zum Gott erheben und gleichsam zum Gott machen wollte. Jesus Christus hingegen ist der neue Adam, der den verderblichen Weg Adams in der umgekehrten Richtung zurückgeht und in der Gegenbewegung, die die ganze Geschichte neu aufrollt, seine Gottgleichheit nicht gleichsam wie ein Beutestück festhält, sondern sich selbst erniedrigt bis hin zum Kreuz als dem Ort seines radikalen Gehorsams. Ganz anders als Adam ist Jesus aber wirklich wie Gott; und weil er wirklich wie Gott ist, verhält er sich wie der wirkliche Gott, der nicht den Weg der Macht und Selbstermächtigung, sondern den Weg der Liebe und der Erniedrigung geht. Nur so aber „kann er nun bis in Adams Lüge, bis in den Tod hinuntersteigen und dort die Wahrheit aufrichten, das Leben geben“[1]. Darin besteht die frohe Botschaft der Heiligen Woche.

Wegkreuzung im Leben des Christen

„Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus entspricht“ (Phil 2,5). Mit diesen eindringlichen Worten eröffnet Paulus im Brief an die Philipper den Christushymnus und fordert die Christen auf, sich selbst die Gesinnung Jesu Christi anzueignen. Nur auf diesem Weg wird der Palmsonntag eine wichtige Wegkreuzung auch im Leben von uns Christen. Denn als liturgischer Auftakt der Heiligen Woche wird uns vor Augen geführt, von wem in dieser Woche die Rede sein wird: von Christus, der seinen Weg vom triumphalen Einzug in Jerusalem über die dunkle Nacht des Leidens am Karfreitag und das Schweigen im Grab am Karsamstag bis zur Morgendämmerung des neuen und ewigen Lebens an Ostern geht und für den es die Morgenröte des neuen Lebens an Ostern nicht gibt ohne die dunkle Nacht des Karfreitags.

Dies ist freilich ein Weg, der den Menschen und selbst uns Christen nicht oder jedenfalls nur sehr schwer einleuchtet. Er scheint vielmehr der menschlichen und allzu menschlichen Logik zu widersprechen. Der gemäß feiern wir gerne Ostern, ohne den Karfreitag durchqueren zu müssen. Dies wäre zwar gewiss ein bequemer, aber letztlich weltfremder Weg, obwohl wir Menschen ihn wahrscheinlich am ehesten einschlagen würden. Hand aufs Herz: Wer singt am Palmsonntag nicht gerne „Hosanna“, und wer wird an Ostern nicht noch lieber in das „Halleluja“ einstimmen? Wer aber schrickt nicht genau vor dem zurück, was zwischen „Hosianna“ und „Halleluja“ liegt, nämlich vor dem „Kreuzige ihn“ am Karfreitag?

„Wer aber schrickt nicht genau vor dem zurück, was zwischen „Hosianna“ und „Halleluja“ liegt, nämlich vor dem „Kreuzige ihn“ am Karfreitag?“

Jesus Christus aber ist keinen anderen Weg vom Palmsonntag nach Ostern gegangen als den Weg, der ihn durch das Tal des Karfreitags geführt hat. Diesen Weg mit ihm zu gehen, mutet er auch jenen zu, die ihm nachfolgen wollen. Er nimmt sie in die Pflicht, den Weg, den sie in der Liturgie feierlich begehen, auch zu ihrem eigenen Weg im alltäglichen Leben zu machen und vor allem ihre Karriere-Sucht nach oben durch-kreuzen zu lassen von Jesu Weg der Karriere nach unten.

Der Palmsonntag stellt von daher nicht nur die endgültige Wegkreuzung im irdischen Leben Jesu dar, sondern wird auch zu einem elementaren Knotenpunkt im christlichen Leben. Die Heilige Woche bringt es deshalb an den Tag, wie wir Christen heute unser Christsein verstehen und vor allem leben. Wenn wir uns wieder neu dessen bewusst werden, dass mit der Karwoche, der wichtigsten Woche im ganzen Kirchenjahr, unser Christsein steht oder fällt, wird in der Mitfeier dieser Woche sichtbar werden, welchen Weg wir Christen gehen wollen: ob wir unsere menschlichen und oft genug allzu menschlichen Wege weitergehen wollen, oder ob wir bereit sind, den Weg Jesu vom Palmsonntag über den Karfreitag nach Ostern mit ihm mitzugehen.

Prozessionen des Glaubens in der Heiligen Woche

Damit ist allerdings das Wichtigste von dem, was die Heilige Woche und vor allem der Palmsonntag als ihre Ouvertüre uns bereit halten, noch nicht ausgesagt. Bevor uns nämlich zugemutet wird, den Weg zusammen mit Jesus Christus zu gehen, wird uns die tröstliche Verheißung geschenkt, dass Jesus Christus mit den Seinen auf ihren Wegen mitgeht. Diese Verheißung wird sichtbar gemacht mit zwei prozessionsartigen Wegen, die seit früher Zeit in der Liturgie der Heiligen Woche vorgesehen sind, nämlich die Palmprozession am Palmsonntag als Darstellung des feierlichen Einziehens Jesu in die heilige Stadt Jerusalem und das liturgische Hinausbegleiten Jesu in das Dunkel der Nacht des Leidens auf dem Ölberg nach der Feier der Einsetzung der Heiligen Eucharistie am Hohen Donnerstag.

Bei der Prozession am Hohen Donnerstag liegt die Verheißung des Mitgehens Jesu Christi auf unseren Wegen offen zu Tage. Sie ist von ihrem Wesen her ein Geleit der Hostie, ein Geleit des eucharistischen Geheimnisses Jesu Christi, der sich in der unscheinbaren Gestalt des Brotes verschenkt. Von daher kann man auch verstehen, dass in einigen Gegenden Frankreichs im 11. Jahrhundert auch bei der Palmprozession am Palmsonntag das Allerheiligste mitgetragen wurde. Damit wurde sichtbar zum Ausdruck gebracht, dass wir Christen am Palmsonntag und überhaupt in der Heiligen Wiche nicht einfach eine historische Erinnerung an Ereignisse vor zweitausend Jahren begehen, sondern dass wir mit Jesus Christus den Weg gehen und dass zuvor Christus selbst die Seinen auf ihren Wegen mit seiner Gegenwart begleitet und mit ihnen geht.

Darin liegt die tröstliche Verheißung des Palmsonntags. Er bringt die Glaubensgewissheit zum Ausdruck und bekräftigt sie, dass Jesus Christus auch auf den Wegen der heutigen Menschen mitgeht, auch und gerade auf den Wegen in das Dunkel der Kreuze im persönlichen Leben der Menschen, in der Gemeinschaft der Kirche und in der heutigen Gesellschaft. Wir Christen sind dabei berufen, das Kreuz Jesu Christi, das im Mittelpunkt der Heiligen Woche steht, auch sprechen zu lassen für die zahllosen Kreuze in der heutigen Menschheit, um nach neuen Wegen der österlichen Hoffnung in den Gefahren in der heutigen Welt zu suchen.

Wir Christen sind eingeladen, in der Heiligen Woche im liturgischen Mitgehen auf dem Weg Jesu Christi uns unseres Glaubens zu vergewissern, dass Christus selbst es ist, der uns auf unseren menschlichen Wegen begleitet. Und wir sind herausgefordert, den Weg, den wir in der Heiligen Woche liturgisch feiern, uns auch im alltäglichen Leben anzueignen und ihn in glaubwürdiger Weise zu gehen: „Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus entspricht“! Dann wird der Palmsonntag zu einer elementaren Weg-Kreuzung im Leben von uns Christen. Amen.

Lesung:         Phil 2, 6-11

Evangelium: Lk 19, 28-40

(radio vatikan – redaktion Claudia Kaminski)

[1]  J. Ratzinger / Benedikt XVI., Sünde und Erlösung, in: Ders., Gottes Projekt. Nachdenken über Schöpfung und Kirche (Regensburg 2009) 73-92, zit. 90.

Unser Sonntag: im April mit Kardinal Kurt Koch

Im April begleitet uns bei Unser Sonntag Kurt Kardinal Koch.

Der Schweizer studierte Theologie in Luzern und München und war in Luzern Professor für Dogmatik und Liturgiewissenschaft.

1996 wurde er vom Heiligen Johannes Paul II. zum Bischof geweiht und gab sich den Wahlspruch „Christus hat in allem den Vorrang“.

Papst Benedikt XVI. ernannte Kurt Koch am 1. Juli 2010 zum Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen und nahm ihn im selben Jahr in das Kardinalskollegium auf.

 

(radio vatikan – redaktion claudia kaminski)