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In diesem Kommentar zum Evangelium geht es bei Dr. Pia Sommer um die Einheit. Christus bittet um das Einssein der Menschen mit Gott und der Menschen untereinander – und es ist notwendig, dass jedes einzelne Glied des mystischen Leibes Christi erfüllt ist vom Lebensprinzip, dem Heiligen Geist.
Dr. Pia Sommer, Eichstätt

7. Sonntag der Osterzeit C

Joh 17,20-26

Inzwischen liegt das Fest Christi Himmelfahrt hinter uns und wir gehen mit großen Schritten auf das Pfingstfest, die Herabkunft des Heiligen Geistes, zu.

Umso verwunderlicher mag es erscheinen, dass im heutigen Evangelium der Heilige Geist kein einziges Mal erwähnt wird, auch wenn es durchaus solche Stellen geben würde. Wir hören heute, am siebten Sonntag der Osterzeit, den letzten Abschnitt der Abschiedsreden Jesu. Unmittelbar nach diesen Worten wird Jesus mit seinen Jüngern zum Ölberg gehen und seine Passion beginnt. Doch hat die Liturgie der Kirche für heute diesen Abschnitt nicht ohne Grund gewählt.

Der große Unbekannte und Unerkannte: der Heilige Geist

Auch wenn der Heilige Geist im Evangelium mit keinem Wort erwähnt wird, ist der Heilige Geist der eigentliche Mittelpunkt, um den sich heute alles dreht. Und gleichzeitig wird durch diesen Umstand schon ein Merkmal des Heiligen Geistes deutlich: Wie so oft ist der Heilige Geist der große Unbekannte und Unerkannte – und doch ist er es, der uns inniger ist als wir uns selbst.
Das heutige Evangelium ist aus dem sogenannten Hohepriesterlichen Gebet entnommen. Jesus bittet darin den Vater immer wieder um Einheit. „Alle sollen eins sein“ (V. 21); „denn sie sollen eins sein, wie wir eins sind“ (V. 22); „So sollen sie vollendet sein in der Einheit“ (V. 23), so betet Jesus.

Eine besondere Art von Einheit

Ich meine, dass Jesus hier eine besondere Art von Einheit meint. Es geht in der Bitte Jesu nicht nur um eine äußerliche Einheit, wie sie beispielsweise durch ein Bündnis oder einen Vertrag zustande kommt. Vielmehr ist diese Einheit charakterisiert durch ein gegenseitiges Ineinander-Sein. Es heißt an verschiedenen Stellen: „Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein“ (V.21), und weiter bittet Jesus: „Denn sie sollen eins sein, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir“ (V. 22f.) und zum Schluss: „Damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist und damit ich in ihnen bin“ (V. 26). Wenn man diese Verse langsam liest und besondere Aufmerksamkeit darauf verwendet, wer in wem ist, so merkt man, dass nahezu jeder in jedem ist.

„Christus ist im Vater, der Vater in Christus, wir sind in beiden und Christus ist in uns.“

Christus ist im Vater, der Vater in Christus, wir sind in beiden und Christus ist in uns. Es ist also von einer gegenseitigen Durchdringung die Rede, die diese erbetene Einheit charakterisiert. Es ist eine zutiefst innerliche Einheit, die aber doch keine Verschmelzung ist, weil die Personen in ihrer Eigenart jeweils noch bestehen bleiben. Christus bleibt Christus, der Vater bleibt der Vater, auch wenn sie miteinander eins sind, und so bleiben auch wir in dieser Einheit als Personen bestehen und werden nicht aufgesogen.

Zwei Merkmale der Einheit

Wie aber ist diese Einheit konkret zu denken? Zwei Merkmale zeichnen diese Einheit aus: Zum einen schenken sich die Personen der jeweils anderen ganz hin, so dass sie in der anderen Person sind. Und zum zweiten sind die Personen jeweils bereit, die Selbsthingabe der anderen Person zu empfangen, so dass die andere Person in ihnen ist. Und genau das ist das Wesen der Liebe. Die restlose Selbsthingabe und die Fähigkeit, den anderen ganz in sich aufzunehmen. In genau diesem Vorgang der gegenseitigen Hingabe besteht das innerste Leben der Dreifaltigkeit, und genau diese Einheit von Vater und Sohn ist der Heilige Geist. Der Heilige Geist ist die Gemeinschaft von Vater und Sohn, er ist das „Wir von Vater und Sohn“, wie es der bekannte Theologe Heribert Mühlen ausdrückt hat.

„Wenn man will, so kann man die heutigen Verse des Evangeliums als den Wesenskern des Christentums begreifen“

In unserem Evangelium wird aber auch der Mensch in diese Einheit miteinbezogen: Wenn man will, so kann man die heutigen Verse des Evangeliums als den Wesenskern des Christentums begreifen: Christus bittet um das Einssein der Menschen mit Gott und der Menschen untereinander. Was für uns schon fast alltäglich klingt – das Einssein mit Gott – , ist es der Sache nach ganz und gar nicht. Gott und Mensch sind nicht so einfach zu vereinen. Wir hatten vorhin betrachtet, dass es Merkmal dieser Einheit ist, dass sich die Personen gegenseitig verschenken und aufnehmen. Der Mensch als Mensch kann den unendlich großen und heiligen Gott aber nicht in sich aufnehmen. Er ist von seiner Natur her nicht dazu fähig.

Das neue Sein des Menschen

Es übersteigt seine menschliche Natur. Wenn Jesus nun um diese Einheit des Menschen in Gott bittet, dann bittet Jesus sozusagen um die Vergöttlichung des Menschen, um seine Aufnahme in das innergöttliche dreifaltige Leben. Der Mensch soll also, der Bitte Jesu zufolge, durch die Erlösung nicht nur wieder bloß als Mensch wiederhergestellt werden, so ähnlich wie er vor dem Sündenfall im Paradies war. Jesus erbittet viel mehr: Der Mensch soll in ein neues, göttliches Sein hinaufgehoben werden, das das natürliche menschliche Sein übersteigt. Der Mensch erhält das göttliche Leben selbst zum Geschenk und wird so zu einem wahrhaftigen Kind Gottes. In mehreren Religionen wird Gott als Vater angesprochen und die Menschen als seine Kinder, insofern nämlich Gott der Schöpfer und somit Urheber und gewissermaßen Vater der Menschen ist. Im Christentum geht es aber um mehr.

„Der Mensch ist durch die Taufe nicht mehr nur Mensch, sondern hat eine andere, eben göttliche Qualität geschenkt erhalten.“

Und genau dieser Glaube macht das Christentum einzigartig: Der Mensch ist durch die Taufe nicht mehr nur Mensch, sondern hat eine andere, eben göttliche Qualität geschenkt erhalten. Es handelt sich dabei wirklich um eine Neuschöpfung, um eine neue Wirklichkeit, die zuvor so nicht war. Wir Christen heißen eben nicht nur Kinder Gottes, sondern wir sind es, wie es im Johannesbrief heißt (1 Joh 3,1).
Wie dies geschieht – darauf gibt uns Jesus in den heutigen Worten ebenfalls eine Antwort: Jesus bittet um die Einheit der Jünger untereinander und mit sich und nennt dabei den Grund für das Zustandekommen dieser Einheit mit Gott: Er sagt: „Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast; denn sie sollen eins sein“ (V.22). Jesus teilt also die Gabe, die Herrlichkeit, die er vom Vater erhalten hat, ungeteilt an seine Jünger mit.

Die Gabe des Heiligen Geistes

Sie erhalten die gleiche Herrlichkeit, wie Christus sie vom Vater erhalten hat, damit sie eins sein können. Und auch der Vater steht dem Sohn nicht nach. Einige Verse später spricht Jesus über den Vater, und „dass [der Vater] die Meinen ebenso geliebt hat, wie mich“ (V. 23) Das heißt, der Vater schenkt uns dieselbe Liebe wie seinem Sohn. Wir sind also von den göttlichen Personen mit jeweils derselben Gabe bedacht, mit der sich der Vater und der Sohn einander beschenken! Vater und Sohn haben alles gemeinsam, weil sie sich gegenseitig vollständig verschenken. Und diese gegenseitige Gabe, die gegenseitige Liebe, erhalten auch wir. Und diese Gabe ist nichts anderes als der Heilige Geist, wie wir oben schon gesehen haben. Der Heilige Geist ist die Liebe, die zur Person wird, er ist das göttliche Leben. Und hier sehen wir nun, wie der Heilige Geist der Mittelpunkt des heutigen Evangeliums ist: Der Heilige Geist ist das liebende Einssein. Sein Wesen ist es, Einheit der Personen zu schaffen. Und nur der Heilige Geist, der uns geschenkt ist, ermöglicht uns, in diese Einheit Gottes einzutreten.

Gelebte Einheit mit Gott

Wenn wir nochmals genauer auf die Worte Jesu blicken, dann sehen wir, dass Jesus seine Jünger bittet, diese göttliche Art von Einheit auch untereinander zu leben, „damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast“ (V. 21). Dieses Anliegen wiederholt Christus in den vorangehenden Versen der Abschiedsrede noch weitere Male. Die gelebte Einheit mit Gott und untereinander ist für uns als Jünger Christi deshalb von entscheidender Bedeutung. Wie können wir diese Einheit leben und worin zeichnet sie sich aus?
Das Gesagte, das etwas abstrakt war, lässt sich mit einem wunderschönen Bild des hl. Paulus veranschaulichen. Paulus vergleicht den mystischen Leib Christi, die Kirche, mit einem Leib und seinen vielen Gliedern (vgl.1 Kor 12): Und da wird schnell das Grundlegende und Entscheidende sichtbar: Die Einheit eines menschlichen Leibes ist eine unglaublich innige Einheit, viel inniger als die Einheit von Braut und Bräutigam oder Mutter und Kind. Es gibt keine Trennung zwischen den einzelnen Gliedern des einen Leibes: nicht zwischen Haupt und Glieder oder den Gliedern untereinander.

„Ohne Seele stirbt der Leib und es gibt keine Einheit mehr“

Diese Einheit ist bedingt durch das eine Lebensprinzip, die Seele, die alle Glieder des Leibes gleichermaßen durchdringt und belebt. Ohne Seele stirbt der Leib und es gibt keine Einheit mehr. Und so ist notwendig, dass auch jedes einzelne Glied des mystischen Leibes Christi erfüllt ist vom Lebensprinzip, dem Heiligen Geist. Nur durch den Heiligen Geist sind wir im mystischen Leib Christi eingegliedert. Darum liegt es an uns, uns immer wieder und immer mehr für den Heiligen Geist und seine Liebe zu öffnen und seine Präsenz sorgfältig zu bewahren. Im mystischen Leib sind wir durch den Heiligen Geist aber nicht nur mit Christus verbunden, sondern auf innigste Weise auch mit allen anderen Gliedern des Leibes, unseren Mitmenschen.

„Jede Aufgabe (des Menschen) ist für das Ganze wichtig und entscheidend, weil der mystische Leib eben eine Einheit ist.“

Wie es im menschlichen Leib verschiedenste Glieder gibt, die jeweils eine individuelle und unverzichtbare Aufgabe zu erfüllen haben, damit der Leib funktioniert, so trifft dies auch für den mystischen Leib zu. Jedes einzelne Glied hat eine besondere und wichtige Aufgabe, die nur dieses Glied erfüllen kann und die zum Wohl des Ganzen beiträgt. Es geht also darum, diese persönliche und unverzichtbare Aufgabe für den ganzen Leib zu erfüllen und nicht darum, die anderen zu übertrumpfen, ihnen ihre Aufgaben zu neiden oder sich der persönlichen Aufgabe nicht zu stellen. Jede Aufgabe ist für das Ganze wichtig und entscheidend, weil der mystische Leib eben eine Einheit ist. In diesem Zusammenspiel, wenn jeder an seinem Ort mit seinen Fähigkeiten und Gaben wirkt, kann dieser Leib wunderbare Sachen vollbringen. Diese Einheit müssen wir nicht selbst bewerkstelligen, sondern wir dürfen sie uns schenken lassen im Heiligen Geist. Das ist dann die Einheit, die von Christus Zeugnis in der Welt gibt. Das ist die Einheit, mit der wir die Welt von heute verändern können. Das ist die Einheit, die für uns schon die Vorwegnahme des Himmels ist, weil sie Einheit mit Gott ist.

(radio vatikan – redaktion claudia kaminski)

Unser Sonntag: Im Mai mit Dr. Pia Sommer

Im Mai begeitet uns bei „Unser Sonntag“ Dr. Pia Sommer. Sie studierte Philosophie, Germanistik und Katholische Theologie. Nach einigen Jahren als Gymnasiallehrerin war sie als wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Dogmatik und Dogmengeschichte bzw. Spiritualität und Homiletik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt tätig.

Dort wurde sie mit einer Arbeit über den Heiligen Geist in der Heilsgeschichte zur Pneumatologie von Johannes von Ávila (†1569) im Fach Dogmatik und Dogmengeschichte promoviert.

Derzeit ist sie Leiterin der Hauptabteilung Jugend, Berufung, Evangelisierung des Bischöflichen Ordinariats Eichstätt. Pia Sommer ist Mitglied im Katholischen Säkularinstitut der Cruzadas de Santa Maria.

(radio vatikan – redaktion claudia kaminski)