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In dieser ersten Betrachtung macht Dr. Pia Sommer deutlich, dass wir oft zu wenig auf die Bedürftigen achten und uns selbst in den Mittelpunkt stellen. Dabei wäre die Hinwendung zum Nächsten die Lösung und zusammen mit dem Herrn führen auch die scheinbar widrigsten Umstände zum Erfolg.

Dr. Pia Sommer, Eichstätt

3. Sonntag Osterzeit, Joh 21,1-19

Haben Sie schon einmal erlebt, dass Ihnen eine Person, die Sie schätzen, eine wichtige Aufgabe anvertraut hat – und Sie dieses in Sie gesetzte Vertrauen enttäuscht haben? Wie befreiend und ermutigend ist es dann, wenn diese Person verzeiht, die Aufgabe nicht einer vielleicht besser geeigneten Person gibt, sondern einem eine zweite Chance einräumt, wenn sie weiterhin auf einen vertraut und einem die Aufgabe zutraut.

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Noch berührender ist es, wenn man weiß, dass die Person einen kennt und schon immer gekannt hat, auch die Schwächen, und vielleicht mit einem Versagen gerechnet hat – und dass sie trotz allem auf einen setzt. So ein geschenktes Vertrauen ist es, was uns Menschen über uns selbst hinauswachsen lässt. Und genau von so einer Situation berichtet das heutige Evangelium, das aus dem Schlusskapitel des Johannesevangeliums entnommen ist.

„Aber in dieser Nacht fingen sie nichts“

Zunächst ist da von sieben, teilweise namentlich erwähnten Jüngern die Rede, die nach dem Tod Jesu in ihre Heimat Galiläa zurückgekehrt sind. Sie wissen nicht recht, was sie jetzt nach dem Tod Jesu anfangen sollen und wenden sich wieder der Fischerei zu. Unter der Führung des Petrus fahren diese Jünger auf den See hinaus. „Aber in dieser Nacht fingen sie nichts“ (V. 3), so heißt es. Trotz ihrer Kompetenz und Erfahrung als Fischer, trotz erprobter Methoden, trotz passender äußerer Bedingungen, trotz guter Zusammenarbeit unter der Leitung des Petrus haben sie keinen Erfolg. Als Jesus sie am frühen Morgen vom Ufer aus vertraut anspricht: „Meine Kinder, habt ihr nicht etwas zu essen?“, antworten sie nur mürrisch und einsilbig „Nein“.

Die Jünger sehen nur ihre Niederlage

Sie können Jesus nicht erkennen, denn sie haben in ihrer Lage keine Augen und auch kein Herz für andere, für Hungrige und Notleidende, weil sie nur ihr eigenes Leid sehen, nur Augen für ihre eigene Niederlage, für ihre eigenen Probleme haben. Wie oft geschieht das auch bei uns, dass wir Jesus im anderen, im Bittenden und Bedürftigen nicht erkennen und wir diese nur als Störenfriede betrachten, weil wir zu sehr mit uns beschäftigt sind? Und doch liegt oft in der Zuwendung zum Nächsten die Lösung unserer Probleme, weil wir den Blick dadurch von uns selbst abwenden, uns selbst aus dem Mittelpunkt nehmen und wieder empfänglich für die Gabe und Hilfe Gottes werden.
Erstaunlich ist, dass die Jünger dem Unbekannten am Ufer gehorsam sind und auf dessen Wort hin, die Netze auf der rechten Seite des Bootes auswerfen, was durch einen überreichen Fang belohnt wird. Wie erinnert uns dies doch alles an den ersten wunderbaren Fischfang bei der Berufung genau dieser Jünger, wie sie uns im Lukasevangelium im fünften Kapitel (Lk 5, 1-11) geschildert wird.

Wiederholung des wunderbaren Fischfangs

Auch damals warfen Simon Petrus und seine Gefährten nach einer erfolglosen Nacht die Netze auf den Befehl Jesu aus und konnten es vor lauter Fische kaum mehr einholen. Dieser Fischfang war ihnen damals ein Zeichen, wer Jesus ist. Jesus berief sie, Menschenfischer zu werden und sie „ließen alles zurück und folgten ihm nach“ (Lk 5, 11). Die Wiederholung des wunderbaren Fischfangs wie wir sie heute hören, können wir durchaus als eine Bekräftigung und Bestärkung der Berufung dieser Jünger betrachten. Auch nach Jesu Tod und Auferstehen sind die Jünger weiterhin zu Menschenfischern berufen, und auch wenn der Herr nicht mehr mit im Boot ist, wie beim ersten wunderbaren Fischfang, so ist es doch seine Gegenwart, die den Fischfang, ihre Arbeit, erfolgreich macht.

„Ohne den Herrn ist all unsere Anstrengung vergeblich. Mit Ihm….“

Das Schiff des Petrus ist bei diesen Ereignissen oft als ein Bild für die Kirche gedeutet worden – und in der Tat kann dieser Gedanke hilfreich und tröstend sein, gerade wenn man auf die menschliche Unzulänglichkeit in der Kirche blickt. Das Netz ist für diese große Menge der Fische eigentlich zu schwach – und doch zerreißt es nicht, das Boot ist ebenfalls zu klein, der Zeitpunkt für einen guten Fischfang ist zu spät – und trotzdem fangen die Jünger so viele Fische. Mir scheint, dass wir gerade aus dieser Begebenheit eines immer wieder neu erlernen dürfen: Ohne den Herrn ist all unsere Anstrengung vergeblich. Mit dem Herrn führen auch die scheinbar ungeeignetsten Umstände und Werkzeuge zu einem Erfolg. Nicht wohlüberlegte Methoden, ausgeklügelte Pläne oder aufwendige Mittel sind das Entscheidende. Es bedarf der Gegenwart des Herrn, der allein die Herzen der Menschen zu berühren vermag. Wie leicht geraten wir gerade in dieser herausfordernden Zeit in der Kirche in die Gefahr eines ungesunden Aktivismus? Wie oft meinen wir, oft unbewusst, dass die Erlösung des Menschen, die Zukunft der Kirche von uns selbst, unseren Fähigkeiten und Leistungen und unserer Arbeit abhängt?

Der Herr verbringt auch heute noch Wunder

Und wie oft ist diese Haltung aber nur Ausdruck unseres fehlenden Glaubens und Vertrauens auf den Herrn, der auch heute lebendig und gegenwärtig ist – und Wunder vollbringen kann. Wie gewinnbringend und fruchtbar wäre unser Handeln, wenn wir auf den Herrn vertrauen und uns Zeit nehmen, auf ihn und sein Wort in Stille zu hören und um seine Gnade und Gegenwart zu bitten?
Erstaunlich ist, dass trotz dieses wunderbaren Fischfangs nur Johannes, der Lieblingsjünger, Jesus erkennt. Nur der Liebende erkennt. Oft zeigt sich Gott auch uns durch die Gnaden und Ereignisse, ja Wunder, die er in unserem Alltag und unserem Leben bewirkt und wir erkennen ihn nicht. Wie notwendig brauchen wir Menschen, die uns wie Johannes auf die Wunder Gottes in unserem Alltag hinweisen. Und wie schön ist es, wenn wir im Gegenzug auch unsere Mitmenschen auf das Handeln Gottes in ihrem Leben aufmerksam machen dürfen.

Jesu zartfühlende Aufmerksamkeit

Was mich persönlich immer wieder berührt, wenn ich dieses Evangelium betrachte, ist die zartfühlende Aufmerksamkeit, die vielen kleinen Details, mit denen Jesus seine Jünger überrascht. „Als sie an Land gingen, sahen sie am Boden ein Kohlenfeuer und darauf Fisch und Brot.“ Wie eine liebende Mutter hat Jesus für die Jünger gesorgt – er ist sich auch als Auferstandener nicht zu schade, für diese menschlichen Bedürfnisse zu sorgen. Er ist nicht abgehoben in eine überirdische Glückseligkeit, sondern er kennt weiterhin die menschlichen Bedürfnisse und ist bereit für diese Alltäglichkeiten zu sorgen. Vielleicht ist es gut, sich einmal einige Minuten der Stille zu nehmen und zu betrachten, wie Jesus nicht nur für die Jünger damals sorgt, sondern sich sehnt, auch für mich und meinen Alltag mit dieser Liebe und Aufmerksamkeit zu sorgen. Ein weiteres Detail ist bemerkenswert: Jesus hat bereits Essen vorbereitet und doch bittet er nicht nur zu Beginn unseres Evangeliums die Jünger um Essen, sondern auch vor dem Mahl bittet er um Fische, die die Jünger gerade gefangen haben. „Bringt von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt“ (V. 10).

„Jesus braucht uns eigentlich nicht, aber dennoch bittet er uns immer wieder um unseren Beitrag“

Jesus braucht uns eigentlich nicht, aber dennoch bittet er uns immer wieder um unseren Beitrag, um unsere Fische. Uns kann diese Stelle ermutigen, zu erkennen, dass Gott es liebt, wenn wir mitwirken. Unser Beitrag, den wir mit seiner Hilfe erbringen konnten, ist für ihn wichtig. Scheuen wir uns nicht, Jesus auch unseren kleinsten Fisch zu bringen, denn er vermag damit viel zu bewirken. Nach dem Mahl kommt es zu einer beeindruckenden Aussprache. Jesus nimmt Simon Petrus beiseite, der ihn bei der letzten irdischen Begegnung, ebenfalls an einem Kohlenfeuer, dreimal verleugnet hatte. „Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese?“, so fragt ihn Jesus dreimal.

„Petrus erhält so die Gelegenheit, seine dreimalige Verleugnung durch das dreimalige Liebesbekenntnis gutzumachen“

Bezeichnenderweise nennt Jesus Simon Petrus hier bei seinem normalen Namen, Simon, Sohn des Johannes, dem Namen seiner Schwäche. Petrus hat gelernt: Er ist nicht mehr der selbstsichere Mann, der sich vor dem Leiden Jesu noch mit seiner Liebe zu Jesus gebrüstet hat. Jetzt antwortet Petrus demütig im Bewusstsein seiner Schwachheit und überlässt das Urteil über seine Liebe Jesus selbst: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe.“ Petrus erhält so die Gelegenheit, seine dreimalige Verleugnung durch das dreimalige Liebesbekenntnis gutzumachen. Und Jesus nimmt nichts von dem Petrus anvertrauten Auftrag zurück, die Kirche zu leiten, sondern bekräftigt mit jedem Liebesgeständnis von Petrus diesen Auftrag: „Weide meine Lämmer“ (V. 15); „Weide meine Schafe!“ (V. 16.17). Warum aber wählt Jesus nicht Johannes, seinen Lieblingsjünger, der auch unter dem Kreuz in Liebe und ungebrochener Treue zu ihm gestanden ist? Wir kennen die Gründe nicht.

Entscheidend ist die Liebe

Es ist ein Geheimnis der Erwählung. Gott beruft oft nicht die Besten oder Liebsten im menschlichen Sinn. Es zeigt uns aber, dass für Gott nicht menschliche Kriterien, ja nicht einmal Treue oder Sündenfreiheit entscheidend sind, sondern die Liebe und die demütige Fähigkeit, nach einem Fall immer wieder von Neuem zu beginnen. Gott beruft nicht die Befähigten, sondern befähigt die Berufenen, so lautet ein schöner Satz, der mir persönlich immer wieder Mut gibt. Darauf dürfen auch wir vertrauen. Und Gott kommt uns bei unserem Mühen entgegen. Wenn wir die Stelle des vertraulichen Zwiegesprächs zwischen Jesus und Simon Petrus im griechischen Urtext betrachten, dann fällt auf, dass Jesus und Petrus zwei unterschiedliche Verben für das Wort lieben verwenden. Während Jesus bei seinen ersten beiden Fragen ein Verb verwendet, dass für die göttliche Liebe steht (agapein), antwortet Petrus mit einem anderen Verb, das die menschliche, freundschaftliche Liebe zum Ausdruck bringt (philein). Wenn man es im Deutschen einigermaßen nachmachen würde, fragt Jesus also: „Liebst du mich?“

Jesus überfordert uns nicht

Petrus antwortet ehrlich und demütig im Hinblick auf seine erfahrene Schwäche: „Du weißt, dass ich dich lieb habe.“ Bei der dritten Frage nun kommt Jesus Petrus entgegen und gleicht seine Frage an Petrus an: „Hast du mich lieb?“ Jesus überfordert uns also nicht, er kommt uns und unserem guten Wollen entgegen. Und was wir noch daraus lernen können: Die Liebe, so wie wir sie vermögen, ist das Entscheidende für Jesus. Sie ist wichtiger als alle Fähigkeiten oder das Versprechen, ihm nun treuer zu dienen. Auf der Grundlage dieser demütigen Liebe bekräftigt Jesus die Berufung des Petrus, die ihm anvertraute Herde Christi zu weiden.

Jesus fragt auch uns: Liebst du mich?

Aber auch an uns ergeht die Frage Jesu: „Liebst du mich?“ Wie Petrus haben auch wir Jesus nicht nur einmal verleugnet und ihm andere Dinge oder uns selbst vorgezogen. Wie Petrus dürfen auch wir uns von Jesus für diese persönliche Zweisprache zur Seite nehmen lassen. Und so fragt Jesus auch uns: Liebst du mich mehr als diese? Liebst du mich mehr als das Handy, die Arbeit, die Freizeit oder die Anerkennung der Menschen? Was werden wir ihm antworten? Eines dürfen wir aber wissen: Trotz all unseres Versagens wird auch Jesus uns wieder und immer wieder verzeihen und uns in unserer Berufung bestärken, zu der er uns erwählt hat.
Als letztes Wort richtet Jesus an Petrus die Einladung zur Nachfolge: „Folge mir nach!“. In der heutigen zweiten Lesung aus der Apostelgeschichte hören wir heute, wie Petrus in die Nachfolge des Herrn eingetreten ist. Trotz Verfolgung und Drohungen des Hohen Rates verkündet Petrus die frohe Botschaft und gewinnt Menschen für Gott. Vielleicht hat Jesus Simon Petrus erwählt, um uns Christen vor Augen zu führen, was ein schwacher und gefallener Mensch in der Kraft Christi und aus Liebe zu ihm vermag. Lassen auch wir uns durch das Beispiel des Simon Petrus anstecken und folgen auch wir, trotz unserer Schwachheit, Jesus in unserem Alltag nach.

(radio vatikan – redaktion claudia kaminski)

Unser Sonntag: Im Mai mit Dr. Pia Sommer

Im Mai begeitet uns bei „Unser Sonntag“ Dr. Pia Sommer. Sie studierte Philosophie, Germanistik und Katholische Theologie. Nach einigen Jahren als Gymnasiallehrerin war sie als wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Dogmatik und Dogmengeschichte bzw. Spiritualität und Homiletik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt tätig.

Dort wurde sie mit einer Arbeit über den Heiligen Geist in der Heilsgeschichte zur Pneumatologie von Johannes von Ávila (†1569) im Fach Dogmatik und Dogmengeschichte promoviert.

Derzeit ist sie Leiterin der Hauptabteilung Jugend, Berufung, Evangelisierung des Bischöflichen Ordinariats Eichstätt. Pia Sommer ist Mitglied im Katholischen Säkularinstitut der Cruzadas de Santa Maria.

(radio vatikan – redaktion claudia kaminski)