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Bischof Glettler macht deutlich, dass wir Erschütterungen brauchen, um aus unserer eingebildeten Souveränität herausgerissen zu werden. Durch die Pandemie sei diese Überheblichkeit ins Wanken geraten.

Bischof Hermann Glettler

 Mk 4, 35-41

Lesejahr B

Manchmal hat man den Eindruck, als ob Gott schlafen würde. Wir fühlen eine Ohnmacht und würden uns so gerne mit Gott arrangieren, ihn zumindest ein wenig für unsere Wünsche und Anliegen einspannen.

Aber: Gott ist uns nicht zuhanden, nicht von uns kontrollier- und verfügbar so wie wir in Zeiten von Digitalisierung und fortschreitender Technisierung alles zu steuern meinen – wir haben zum Glück nicht das letzte Kommando – vieles bleibt uns trotz höchster technischer Entwicklungen entzogen. Das verunsichert. Jesus schläft im Boot der Jünger und es macht den Anschein, als ob ihn die Katastrophe überhaupt nichts angehen würde. Eine Provokation, gelinde gesagt. Aber verweilen wir kurz beim Ausgangspunkt des Evangeliums:

 

Schicksalshaft im gleichen Boot

„Wir wollen ans andere Ufer hinüberfahren.“ Es klingt wie der Versuch Jesu, sich und die Jünger von der zudringlichen Menge zu lösen, einmal wegzufahren, weil der Andrang der Leute auf Dauer nicht auszuhalten ist. Die Leute wurden fortgeschickt und man fühlt die Erleichterung – einfach ans andere Ufer flüchten. Mit Jesus im Boot. Darin liegt für alles Kommende auch schon der wesentliche Unterschied – ist doch Jesus Gottes angreifbare, verlässliche Gegenwart, ob wir sie wahrnehmen oder nicht. Jesus im Boot der alltäglichen Sorgen, im Boot der Erfolge und vergeblichen Mühen. Natürlich „sitzt“ für die Jünger auch die Unsicherheit im Boot.

Haben die Jünger auf die richtige Karte gesetzt, als sie dem Ruf Jesu gefolgt sind?

 

Haben sie auf die richtige Karte gesetzt, als sie dem Ruf Jesu gefolgt sind? In der Euphorie der Berufung am See war ihnen vielleicht nicht klar, dass es mit Jesus keinen Kuschelkurs gibt. Jesus im Boot – Geschenk göttlicher Nähe und Herausforderung zugleich. Seine Nähe tröstet und weitet den Blick. Wir sehen die Tragödien der überfüllten Schlauchboote im Mittelmeer. Unzählige Flüchtlinge riskieren die lebensgefährliche Überfahrt. Welche Wahl bleibt ihnen denn – ausgebeutet in den lybischen Lagern, Opfer skrupelloser Schlepper und Menschenhändler und zugleich voll Sehnsucht nach einer besseren Zukunft in Europa?

Der Schiffbruch der Medusa 1814

Im biblischen Bericht waren es die überraschenden Fallwinde vom Golan herunter, die das „galiläische Meer“ zu einer Todeszone machen konnten. Ein aktuelles Werk in der Ausstellung zum Jubiläumsjahr anlässlich des 500. Geburtstags von Petrus Canisius ist das monumentale Gemälde „Das Floß der Medusa“ (1818-1819) von Théodore Géricault aus dem Louvre, das vom Künstlerkollektiv in einem Siebdruck-Remake umgesetzt wurde. Dargestellt ist das Ereignis des Schiffbruchs der Medusa, damals das schnellste Schiff der französischen Marine, vor der westafrikanischen Küste im Jahr 1814.

Resignieren, beten oder kämpfen?

Auf dem Rettungs-Floß, das tagelang im Meer trieb, sieht man ein Gemenge von Noch-Lebenden und Toten – die typische Figur eines resignierten Denkers, der einen Toten am Schoß hat, eine kleine Gruppe flehentlich Betender und einen pyramidal sich aufrichtenden Menschenhaufen – Verzweifelte, die sich aneinander festkrallen. Resignieren, beten oder kämpfen? Was ist zu tun? Das gigantische Gemälde ist in jedem Fall eine zeitlose Mahnung, Schiffbrüchige nicht ihrem Schicksal zu überlassen. Geht´s deutlicher? Wo ist Gott, wo der Mensch?

Gott mutet uns Katastrophen zu

Ich erinnere mich an die Begegnung mit P. Sami SJ in Aleppo. Er hat mir anvertraut, dass er während der systematischen Bombardierung der syrischen Stadt den Glauben an den Beschützergott (God of Protection) verloren hat. Zu heftig, zu brutal waren die Erschütterungen, das verzweifelte Bangen um die Opfer, das Flehen um ein Ende, aber die Zerstörung ging weiter. Es hatte den Anschein, als ob Gott schlafen würde. Keine Erhörung der vielen Gebete – weder der christlichen noch der muslimischen. Gott mutet uns Katastrophen zu und wir wissen nicht, ob und welchen Sinn sie haben. P. Sami hat mir aber auch anvertraut, dass er trotz allem in der größten Not gelernt hat, an den Gott der Vorsehung (God of Providence) neu zu glauben. Er hat erlebt, dass sich Menschen in einer Weise mit den Notleidenden über alle kulturellen und religiösen Barrieren hinweg solidarisiert haben, wie dies vorher undenkbar war.

Zu oft bilden wir uns ein, alles machen zu können

Mit einem Team von Christen und Muslimen kochte und verteilte P. Sami täglich 8.000 Menüs an die Menschen in den zerbombten Stadtteilen von Aleppo.

Abgesehen von himmelschreienden Katastrophen dieser Art wage ich zu behaupten, dass wir Erschütterungen brauchen, um aus unserer eingebildeten Souveränität herausgerissen zu werden. Zu oft bilden wir uns ein, alles machen zu können – unschlagbar in Medizin, Forschung und Wissenschaft. Diese Überheblichkeit ist durch die Pandemie ins Wanken geraten. Gott sei Dank!

Zweifel und Nächte des Glaubens

Vielleicht gibt es sogar eine „Gnade der Unsicherheit“ – durch Zweifel und „Nächte des Glaubens“ hindurch. Durch Gottes Zumutungen verunsichert sind wir möglicherweise sensibler für das, was wirklich zählt – jenseits aller Wohlstandswünsche und Selbstverwirklichungs-Programme. Offener für den Willen Gottes. Die Gnade der Unsicherheit macht uns vor allem verständnisvoller für jene, die mit härteren Infrage-Stellungen und Demütigungen fertig werden müssen als wir. Sind wir bereit für eine geschwisterliche Verbundenheit mit den vielen Verunsicherten unserer Zeit? Es würde uns menschlicher machen, ehrlicher, demütiger, dankbarer.

 

Das „Aufstehen“ Jesu nährt unseren Mut

Als es den Jüngern zu viel wurde, weckten sie den Meister, der demonstrativ in der extremen Krise gut zu schlafen schien. Vorwurfsvoll rütteln sie ihn wach. Und Jesus stand auf, drohte den Unheils-Mächten und völlige Stille trat ein. Ruhe nach dem Sturm, Zeit zum Innewerden und zur Reflexion: Was hat uns denn so aus der Bahn geworfen? Mangelndes Vertrauen zu dem, der über alle Elementarmächte souverän verfügen kann? Haben wir gespürt, dem Leben ausgesetzt zu sein? Jesus stand auf. Ein herrlicher Hinweis auf das Ostergeheimnis. Aus dem Todesschlaf erhebt sich der Herr des Lebens. Jesus steht auf gegen die unheilvollen Kräfte, die Menschen bedrohen und ins Unheil stürzen wollen.

Jesus steht auf gegen eine billige Harmonie, die sich nicht der Mühe um Versöhnung stellt

 

Jesus steht auf gegen die lebensbedrohliche Bosheit und gegen den Hass. In seinem Aufstehen erweist sich seine Liebe stärker als die Vergeltung, seine Vergebung stärker als die Sünde: Jesus steht auf gegen eine billige Harmonie, die sich nicht der Mühe um Versöhnung stellt, Jesus steht auf gegen die Verurteilung und Demütigung von Menschen – wie ein Anwalt für die Schwachen, die zu allen Zeiten den Stürmen der Gier und Verdrängung oft schutzlos ausgeliefert sind.

Im Boot mit Jesus, das von Stürmen heimgesucht wird, werden auch wir befähigt, aufzustehen – wie es unzählige Menschen vor uns getan haben. Die Mutigen machen uns Mut.

 

Canisius glaubte an geistliche Erneuerung der Kirche

Ich denke heuer oft an Petrus Canisius, der im 16. Jahrhundert trotz größter Widerstände an eine geistliche Erneuerung der katholischen Kirche geglaubt hat. Mit größter Entschlossenheit hat er sich selbst und alles, was ihm zur Verfügung stand, eingesetzt. Das Aufstehen Jesu befähigt uns zum Aufstehen gegen die Entwürdigung des Menschen – immer dann, wenn der Wert des menschlichen Lebens an seinem Ertrag für die Gesellschaft, an seiner Leistung und an seiner oberflächlichen Attraktivität gemessen wird.

 

Verlässliche Gegenwart des Herrn

Denken wir an die Debatte um die Liberalisierung der Euthanasie in Europa. Wir teilen die Unsicherheit mit vielen Menschen und verneinen dennoch die propagierte Selbsttötung als Option eines menschenwürdigen Sterbens. Und viele weitere Bereiche wären zu nennen: Müssten wir nicht deutlicher aufstehen für unser gemeinsames „Haus“, um unsere Erde nicht in die finale Erschöpfung zu treiben? Wagen wir doch „aufständig“ im Sinne Jesu neue Lebensstile!

Jesus tadelte die Jünger wegen ihres Unglaubens. Wo stehen wir? Das Evangelium stärkt unser Vertrauen, das in der verlässlichen Gegenwart des lebendigen Herrn gründet – auch wenn wir oft meinen, dass er hinten im Boot scheinbar nur schläft! Gott wird uns auch in Zukunft viel zumuten – aber ebenso gewiss mit seiner liebevollen Vorsehung mit uns sein.

(radio vatikan – claudia kaminski)