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Kaplan Leonard Skorczyk lädt uns ein, über die Person Jesu nachzudenken und über die eine Antwort, die wir geben würden, wenn Jesus uns fragen würde: Was willst du, dass ich dir tue?

Kaplan Leonard Skorczyk, Regensburg

Mk 10, 46b–52

Als ich 11 Jahre alt war haben wir meine Eltern einen der größten Wünsche erfüllt: sie haben mir einen Hund gekauft. Mein Hund Duke hat mich durch so viele Lebensabschnitte begleitet und wir haben immer gehofft, dass er noch meine Priesterweihe miterlebt! Es ist wirklich so gekommen und er hat bei den Primizfeierlichkeiten mit dabei sein können.

Aber man merkt zunehmend, dass er 14 Jahre alt wird. In den letzten Monaten ist er mittlerweile vollkommen erblindet. Wenn ich an seine jungen und Welpenjahre zurückdenke, kommt mir sofort das Bild in den Kopf, wie er durch den Wald rennt und wie lebendig er dabei war. Mittlerweile ist es manchmal traurig zu sehen, wie er gegen Möbelstücke läuft, sich schwer tut durch den Garten zu navigieren und jeder nächste Schritt eine Herausforderung ist.

Die eigentlich Blinden sind die Jünger

Ich denke, dass Gott manchmal mit einem ähnlichen Blick auf uns Menschen oder die beschriebenen Personen im Evangelium schaut. Mit einem Blick von Traurigkeit und Mitgefühl wegen unserer Blindheit, mit Erbarmen, das helfen möchte: der arme Hund läuft doch sonst überall dagegen. In dem heutigen Evangelium erleben wir eine ähnliche Situation: Jesus Christus begegnet einem Blinden und dabei stelle ich die These auf, dass die eigentlich Blinden die Jünger und Apostel, nicht der so offensichtlich blinde Bartimäus ist. Wir befinden uns dabei gerade bei dem letzten Abschnitt der Reise Jesu von Galiläa nach Jerusalem im Markus Evangelium. Er kommt aus dem Norden und muss durch verschiedene Gebiete, wie zum Beispiel Samarien, und Markus beschreibt vom achten bis zum Ende des zehnten Kapitel diese Reise.

Von Jericho nach Jerusalem

Dabei handelt es sich nicht um eine beliebige Reise durch das Heilige Land, es ist eine Reise mit einem konkreten Ziel. Wir werden dabei konfrontiert mit den drei Ankündigungen seines Leidens und ähnlich wie bei einem Entwicklungsroman ist in diesen Kapiteln mehr die Rede davon, was mit den Personen auf der Reise passiert, als von der Reise selbst. Wir befinden uns bei Jericho, die Stadt, die von David eingenommen wurde und ein Symbol der Sünde ist und somit einen Kontrast zu Jerusalem darstellt, obwohl sie so nah beisammen liegen. Der unterschied zwischen den beiden Städten ist trotz ihrer Nähe die Höhe, auf der sie gelegen sind. Man muss so nicht nur bildlich sondern wirklich von Jericho nach Jerusalem steil hinaufgehen, das dürfen wir auch spirituell deuten.

Die Jesus begleitenden Jünger verstehen in den Kapiteln der Reise vieles falsch

Die Jesus begleitenden Jünger verstehen in den Kapiteln der Reise vieles falsch. Wir beginnen die Kapitel dieser Reiseerzählungen auch mit einer Heilung eines Blinden. Diese Heilung ist komplizierter und Jesus muss sogar mehrfach die Hände auflegen, um den Mann von seiner Blindheit komplett zu heilen. Dieser Rahmen von zwei Blindenheilungen wirkt wie eine Botschaft des Evangelisten, die uns sagen möchte, dass wir diese Kapitel mit einem Blick auf das Thema der Blindheit verstehen sollen.

Mit Blindheit geschlagen

In diesen Kapiteln fällt es tatsächlich immer wieder auf, wie die Jünger sprichwörtlich mit Blindheit geschlagen sind. Sie verstehen die Sendung, die Aussagen und die Person Jesu nicht. Immer wieder zeigen sie ihr falsches Verständnis: Petrus widerspricht Jesus und will ihn zurückhalten, die Jünger streiten über den besten Platz und die größte Ehre, halten Kinder von ihm ab und all das im Kontext der Leidensankündigungen Jesu. Die Lehren ihres Herrn verstehen die Jünger dabei häufig falsch und sind über seine Aussagen und Gleichnisse erschrocken und entsetzt. Der Evangelist will uns also auf alle beteiligten Personen und den großen Kontext hinweisen und mit dieser Heilungserzählung den Entwicklungsroman abschließen.

Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!

Christus ist nun bei der Stadt Jericho, die diesen Kontrast zu seinem Ziel Jerusalem darstellt, und ihm begegnet der blinde Bettler Bartimäus auf dem Weg. Auch die Situation der Jünger kann so immer wieder beschrieben werden, sie sind bettelarm, müssen also alles von außen empfangen und haben nichts selber, und sind blind, also in ihrer Fähigkeit zu erkennen massiv eingeschränkt. Auch wir dürfen uns darin wieder finden, wenn wir häufig das Evangelium lesen und es nicht verstehen können oder auf so vieles von außen angewiesen sind. Bartimäus erkennt schnell, dass es sich um Jesus von Nazareth handelt, und bezeichnet ihn mit einem besonderen Titel wenn er ausruft: Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir! Der Titel Sohn David spielt auf die Verheißung an, dass der Herrschaftsthron über ganz Israel auf ewig in dem Geschlecht Davids bleiben soll. So werden wir an Jesu Anrecht auf den Thron Davids erinnert.

Bartimäus soll schweigen

Die umherstehenden Jünger versuchen ein weiteres Mal, die Menschen von Jesus ab zu halten, und befehlen Bartimäus zu schweigen. So sind es auch häufig Rufe in unserem Leben, die uns zum schweigen bringen wollen, wenn wir uns Christus zuwenden möchten. Unsere Umwelt und schlechte Einflüsse, die Versuchung in uns oder außerhalb von uns, die uns abringen wollen Jesus zuzurufen: Hab Erbarmen mit mir! Jesus versteht, was Bartimäus von ihm will und lässt ihn zu sich rufen. Der Blinde wird aufgerufen, Mut zu haben und zu kommen. Für einen Blinden ist das eine erhebliche Herausforderung und trotzdem springt er auf, läuft im großen Vertrauen auf Christus zu und wirft dabei seinen Mantel weg.

Der zurückgelassene Mantel

Dieser Mantel scheint vielleicht ein Detail der Geschichte zu sein, wurde jedoch immer wieder mit viel Bedeutung ausgelegt. Der Mantel ist vielleicht der einzige Besitz, den dieser Bettler noch hat, er ist für ihn Schutz vor Kälte und der Umwelt. Bartimäus lässt ihn jedoch zurück, als er zu Christus läuft. Das ist nicht nur gefährlich, da er ihn leicht verlieren oder er ihm geklaut werden kann, sondern zeigt auch uns, dass eine entschiedene Hinwendung zu Christus nichts Einfaches ist und auch uns Opfer abverlangt.

Anspielung auf die Taufe

Einige urkirchliche Exegeten sahen darin auch eine Anspielung auf die Taufe! Als früher ein Erwachsener zu der Taufe schritt, warf er seine alte Kleidung, seinen alten Mantel, das Symbol für sein altes Leben ab, und stieg nackt in den Brunnen der Taufe hinein. Nach seiner spirituellen Reinigung und Rettung wurde er mit einem neuen, einem ganz weißen Taufgewand bedeckt. Wir kennen bis heute das weiße Taufkleid von unseren Kindertaufen. Diese Exegeten sahen Bartimäus so als einen Bekehrer, der sich auf die Taufe vorbereitet und so seinen alten Mantel von sich wegschmeißt.

Christus wusste ja schon, was Bartimäus benötigt. Warum dann eine so offene Frage?

 

Er springt also motiviert auf, sozusagen mit blindem Vertrauen, läuft auf Jesus zu und wendet sich so von der Stadt Jericho, der Stadt der Sünde ab, und dem Christus, dem Sohn Davids zu. Er antwortet auf die Einladung Christi und wird mit einer weiteren Frage konfrontiert: Was willst du, dass ich dir tue? Es ist eine sehr offene und damit fundamentale Frage. Christus wusste ja schon, was Bartimäus benötigt. Warum dann eine so offene Frage? Warum fragte er ihn nicht: Wie willst du, dass ich dich heile? Oder: Willst du, dass ich dich heile? Er stellt absichtlich eine allgemeine Frage, wie als würde er auch uns heute über die Frage nachdenken lassen wollen. Was würden Sie antworten, wenn Christus jetzt vor uns steht und uns fragt: Was willst du, dass ich dir tue? Damit geht es an das Herz der Menschen und wir muss uns gut überlegen, was unsere eine Antwort wäre.

Was erhoffe ich von Jesus?

Was ist das wichtigste, dass ich von Jesus will und mir von ihn erhoffe? Darüber können wir nachdenken wenn wir zum Beispiel am Sonntag in der Eucharistiefeier ihm von Angesicht zu Angesicht begegnen. Der blinde Bartimäus antwortet ihm: Rabbuni, ich will wieder sehen können. Er vertraut darauf und weiß, dass Jesus die Kraft dazu hat, sein Augenlicht wiederherzustellen, und mit dem gleichen Vertrauen sollten wir auch antworten. Wir dürfen deswegen auch etwas Großes, etwas eigentlich Unmögliches erfragen. Je Größeres wir von Christus erbitten, desto Größeres kann er uns in seiner Kraft schenken.

Jesus heilt auch heute noch

Jesus gewährt ihm seine Bitte und antwortet: Geh, dein Glaube hat dich gerettet. Dabei scheint es wichtiger zu sein, dass sein Glaube ihn über die Blindheit hinaus gerettet hat, als dass er nun wieder sehen kann. Dabei dürfen wir nicht falsch verstehen, dass es rein symbolisch gemeint ist. Jesus Christus heilt von damals bis heute Menschen wahrhaftig und nicht sinnbildlich von Behinderungen und großen Krankheiten. Das ist eine Realität, die den Christen bewusst sein muss, und für die wir beten und bitten müssen. Diese Stelle ist aber auch ein Sinnbild dafür, was die Jünger über mehrere Kapitel während der Reise mit Jesus Christus für einen Wandel durchleben. Die Jünger sind hier durch blamiert, denn es heißt weiter: Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen, und er folgte Jesus nach. In die Schar der Nachfolger Christi reiht sich Bartimäus jetzt ein und steht somit neben den Aposteln und den anderen.

Motivation, über die Person Christi nachzudenken

Er, der Jesus Christus als Retter und Messias erkannt hat, steht jetzt neben denen, die ihn immer wieder falsch verstanden haben. Er steht sehend neben denen, die für die Wahrheit des Wesens und Bedeutung der Lehren Christi blinder waren als Bartimäus. Wir können diese Erzählung also auch als eine Art Motivation für uns verstehen, über unseren Glauben und die Person Christi nachzudenken und uns selber damit in dieser Geschichte wieder zu finden.

Ich bin mir sicher, dass die Schwachheit der Jünger Christi nicht dafür so häufig im Evangelium bezeugt wird, dass wir auf sie herabschauen können oder die ersten Zeugen unseres Glaubens weniger wertschätzen. Es ist vielmehr für uns eine Möglichkeit, uns mit den Jüngern zu identifizieren und zu betrachten, wie häufig wir ein falsches Bild und Verständnis Jesu haben. Letztendlich sind auch wir immer wieder blinde Bettler, bedürftige und abhängige Menschen, die nicht richtig erkennen können, also nicht mit den Augen Gottes oder hier mit den neuen Augen des Bartimäus sehen.

Auslegung des heiligen Johannes Chrysostomos

Der heilige Johannes Chrysostomos hat in einer Auslegung auch damals schon eine ähnliche spirituelle Bedeutung herausgelesen:
„ Als der blinde die Aufregung der Menge hört, fragt er: Was ist los? Sie sagten ihm: Es ist Jesus von Nazareth! Da war seine Seele von dem Glauben an Christus so entflammt, dass er ausrief: Jesus, Sohn Davids, habe Erbarmen mit mir. Verspürst du nicht den gleichen Drang zu schreien? Du, der du auch am Wegesrand wartest, an der kurzen Straße deines Lebens. Viele tadelten ihn und sagten ihm, er solle schweigen. So haben sich auch alle gegen dich verschworen und sagen dir: Bleibe ruhig! Schrei nicht! Wer glaubst du zu sein, dass du Jesus zurufen kannst? Störe ihn nicht auf seinem Weg! Aber der arme Bartimäus wollte nicht auf sie hören und umso stärker rief er: Jesus, Sohn Davids, habe Erbarmen mit mir! Unser Herr, der ihn von Anfang angehört hatte, ließ ihn in seinen Gebeten ausharren. Bei dir tut er dasselbe. Er hört unser schreien von Anfang an, aber er wartet. Er möchte, dass wir überzeugt sind davon, dass wir ihn brauchen. Er möchte, dass wir ihn Platz machen und hartnäckig bleiben, so wie der Blinde, der an der Straße von Jericho wartet.“ (Aus einer Predigt über die Parallelstelle im Matthäusevangelium)

Identifikation mit dem blinden Bartimäus

Der heilige Chrysostomos möchte also auch, dass wir uns mit dem blinden Bartimäus dieser Erzählung identifizieren! Er will, dass wir vielleicht so wie die Jünger nach der Himmelfahrt Christi, gereinigt von allen falschen Verständnissen der vorherigen Kapitel, geläutert Jesus nachfolgen. Auch der heilige Chrysostomos will, dass wir mit Bartimäus rufen: Rabbuni, ich will wieder sehen können. Gib mir neue Augen, die Augen eines wahren Christen, die wie Jesus selbst sehen können. Denn so können wir wie Bartimäus geläutert den Mantel unseres alten Lebens abwerfen, aufspringen und Christus nachfolgen.

(radio vatikan – redaktion claudia kaminski)

Im Oktober begleitet uns bei Unser Sonntag Leonard Skorczyk. Der 25-jährige stammt aus der Pfarrei Heilige Dreifalitgikeit in Amberg und studierte Theologie in Heiligenkreuz, den Vereinigten Staaten und in Regensburg. Am 26.Juni 2021 wurde er in Regensburg von Bischoff Rudolf Vorderholzer zum Priester geweiht.
Derzeit ist er in der Domstadt Kaplan in der Pfarrei Herz Marien.


Durch eine frühe Begeisterung für Evangelisierung und Mission begann er sofort nach dem Abitur mit dem Studium der Philosophie, Theologie und Psychologie und trat mit 18 Jahren ins Priesterseminar ein. Schon während des Studiums wirkte er bei Medienprojekten mit.

Seine Abschlussarbeit schrieb er im Bereich der perimortalen Wissenschaften, über die Verbindung von Seelsorge und Trauerarbeit